Mikroabenteuer, Naturbeobachtungen und Trekking für Leute mit Schlaubrille
23. Juni 2022

Warum fliegen Motten ins Licht?

By In Creepy Crawlies, Deutschland, Mensch und Natur, Tierbeobachtungen

Micha baut eine Lichtfalle

Es ist heiß in dieser Juninacht, geradezu tropisch heiß: bis zu 38 Grad waren es tagsüber und auch jetzt, als die Sonne untergeht, bleibt es bei geschmeidigen 28 Grad. Die Stadt atmet erleichtert auf und die Menschen strömen nach draußen zum Feiern.
Normale Leute trinken ihren Alkohol in Bars, Parks oder am Badesee; sie unterhalten sich über Liebschaften, Politik und Jan Böhmermann. Wir sind nicht normal und haben beschlossen, unser Sommernachtsbier beim Nachtfalterkucken zu trinken und dabei und Anekdoten über unsere Wildlife-Exkursionen auszutauschen.

Micha ist Hobby-Entomologe (Insektenkundler) und hat uns in seinen erfreulich ungepflegten Kleingarten zu einem sogenannten Schmetterlingsleuchten eingeladen. Nachtfalter sind nämlich ihrer Natur gemäß schwer zu finden, wenn man nach ihnen sucht: Tagsüber sind sie versteckt und gut getarnt, nachts sind im Dunkeln quasi unsichtbar und dazu noch sehr flott unterwegs. Doch zum Glück gibt es einen sehr einfachen Trick, die Tiere direkt zum Beobachter kommen zu lassen. Denn nachtaktive Fluginsekten fühlen sich, wie jeder schon selbst daheim bemerkt haben dürfte, von künstlichen Lichtquellen angezogen. Um sie anzulocken benötigt man also lediglich eine geeignete Lampe und genau auf diesem Prinzip basiert Michas Lichtfalle, die er bereits für uns aufgebaut hat.

Damit das Anlocken funktioniert, wird Licht eines bestimmten Spektrums mit hohem UV-Anteil benötigt, welches in unserem Fall von einer starken HQI- Quecksilberdampflampe geliefert wird. Die Lampe hängt frei und ist in einem großen „Käfig“ aus weißem, engmaschigem Netzstoff untergebracht. Nicht, um die angelockten Insekten darin zu fangen, sondern ganz im Gegenteil: um sie möglichst schonend zu behandeln. Denn wir betrachten Insekten nicht als Ungeziefer oder Beute, sondern als wichtigen und wunderschönen Teil der Natur. Lichtfallen, wie sie Entomologen verwenden, haben mit dem Mosquito-Grill aus dem Baumarkt nichts zu tun. Sie sollen den Tieren ganz bewusst keinen Schaden zufügen, sondern diese lediglich eine Weile an Ort und Stelle halten, damit man sie beobachten kann. Die Tiere fliegen zwar auf die Lichtquelle zu, können aber nicht mit der heißen, harten Lampe kollidieren, sondern landen außen auf dem Schleier und bleiben darauf sitzen. Dort können sie dann eingehend betrachtet und fotografiert werden. Schaltet man die Lichtquelle später wieder aus, fliegen alle auf ihr sitzenden Insekten unbeschadet in die Nacht hinaus.

Lene und Carsten bestaunen die Insektenvielfalt beim Schmetterlingsleuchten.

Schmetterlingsleuchten unter Insekten-Nerds ist eine gemütliche Angelegenheit: Man baut das Setup auf, schaltet die Lampe an und dann macht man es sich in respektvoller Entfernung (und dort, wo man nicht geblendet wird) bequem. Bei gutem Wein, Bier und Snacks lauschen wir den Geräuschen der Nacht und den gegenseitigen Reisegeschichten. Und siehe da: Es vergehen keine fünf Minuten, bis sich die ersten Insekten einfinden und ungefähr eine Stunde später ist der geisterhaft glühende Schleier geradezu bedeckt von Schmetterlingen, Fliegen, Schnaken und Käfern der unterschiedlichsten Arten. Immer wieder unterbrechen wir unsere fröhliche Trinkrunde, springen aufgeragt zur Lichtfalle und weisen uns gegenseitig auf neue Besucher hin. Jeder Neuankömmling wird ausgiebig besprochen und fotografiert und bei den selteneren Besuchern ist die Freude besonders groß.

Flatterhafte Besucher

Welche Insekten sich beim Schmetterlingsleuchten einfinden, hängt von vielen Faktoren ab: Zum einen ist das Habitat entscheidend, denn all die Nachtschwärmer haben ihr eigenes Verbreitungsgebiet. In einem Moor bei Brandenburg wird man andere Spezies anlocken als auf einem Trockenrasen in den Vorderalpen. Der Zweite Faktor ist die Zeit, denn die vielen Insektenarten haben natürlich nicht alle die gleichen Flugzeiten, sondern schlüpfen oft zeitversetzt im Jahr aus ihren Puppen. Auch die Uhrzeit ist nicht bei allen Arten gleich, einige sind eher Dämmerungs- und andere im eigentlichen Sinne nachtaktiv; jede Art hat ihre individuellen „Stoßzeiten“. Und schlussendlich sind auch Häufigkeit und Lichtempfindlichkeit entscheidend, denn so eine Lichtfalle hat, je nach Art, eine sehr variable Reichweite. Während sich Köcherfliegenlarven auf hunderte von Metern von der Lampe angezogen fühlen, lässt so mancher Nachtfalter alles links liegen, was weiter weg ist als ungefähr 14-20 Meter. Und auch wenn „Motten“ der Aufhänger dieses Artikel sind: Auf unserer Lichtfalle landen keineswegs nur nachtaktive Falter, wie unsere Schnappschüsse von Junikäfern und Floorfliegen belegen.

 

Und warum fliegen Nachtfalter nun ins Licht?

Tatsächlich ist diese Frage wissenschaftlich nicht abschließend beantwortet, es gibt jedoch einen ziemlich plausibel klingenden Erklärungsansatz, die sogenannte Navigationshypothese. Nachtaktive Fluginsekten sind in der Regel entweder auf Nahrungssuche, weit öfter jedoch auf der Suche nach Sexualpartnern. Zu diesem Zweck legen sie teils weite Strecken zurück. Damit sie im Dunkeln nicht im Kreis, sondern geradeaus fliegen, braucht er einen Bezugspunkt zur Orientierung. Der verlässlichste nächtliche Bezugspunkt in freier Natur ist natürlich der Mond und Nachtfalter legen ihren Geradeausflug mithilfe des Mondes wahrscheinlich ähnlich fest, wie es Bienen mithilfe der Sonne am Tag tun. Die Tiere haben dafür eine evolutionäre Anpassung entwickelt: Sie können UV-Licht wahrnehmen und sind eventuell sogar tetrachromatisch. Die erweiterte Spektrale Wahrnehmung des Mondlichts hilft nicht nur bei der Orientierung: Bestimmte Pflanzen reflektieren UV-Licht und sind für Insekten auch dann deutlich sichtbar, wenn wir sprichwörtlich schwarzsehen.

Die nächtliche Navigation der Insekten funktionierte in den letzten paarhundert Millionen Jahren vortrefflich, weil der Mond die einzige helle Lichtquelle am Nachthimmel war, doch durch den Menschen hat sich das natürlich geändert, denn wir haben die letzten hundert Jahre damit verbracht, unsere Kulturlanschaften mit Ersatzmonden zuzupflastern.
Hat eine helle Lampe ein ähnliches Spektrum wie das Mondlicht wird sie von den Insekten mit dem Mond verwechselt. Im Gegensatz zum Mond jedoch ist eine Laterne keine 384.400 km entfernt und deshalb kein fixer Bezugspunkt, bei dem die Einhaltung des stets gleichen Winkels zum gewünschten Geradeausflug führt. Hat das Insekt die Lampe passiert, korrigiert es deshalb seinen Kurs, um den richtigen Winkel wieder herzustellen. Die ständige Kurskorrektur führt das Tier automatisch in eine Spirale, die letztlich in eine enge Umkreisung der – oder gar einer Kollision mit – der Lichtquelle mündet.

Der obere Falter orientiert sich am Mond, und weil dieser quasi statisch am Himmel steht, verämdert sich der Winkel zur Flugbahn nicht. Der untere Falter orientiert sich an einer Lampe und sobald diese passiert ist, stimmt der Winkel nicht mehr und die Flugbahn muss angepasst werden.

Lichtverschmutzung: eine Gefahr für Insekten

Jeder hat schon mal einen verirrten Nachtfalter in der Wohnung gehabt (und hoffentlich gerettet), der irritiert um eine Lampe oder einen hellen Comutermonitor kreiste. Unsere Lichtfalle schadet den Tieren nicht: Sie ist ein weicher Landeplatz, der nur wenige Stunden in Betrieb ist, nur ein- bis zwei Mal im Jahr aufgebaut wird und überhaupt gibt es sehr wenig Insektenliebhaber, die solche Lichtfallen überhaupt verwenden. Doch Ihre Anfälligkeit gegenüber Lichtquellen wird nachtaktiven Insekten schnell zum Verhängnis, wenn eine Lichtquelle mit harter Oberfläche unbewacht in Betrieb ist… was auf so ziemlich jede Außenbeleuchtung zutrifft, mit denen Menschen die Nacht zum Tag machen. In diesem Fall fliegen die Insekten solange gegen die Lampe, bis sie erschöpft sind und sterben mit beschädigten Flügeln. Man versteht leicht, dass das für unsere Insekten, die sowieso schon durch die intensive Landwirtschaft und die Zerstörung ihrer Lebensräume unter starkem Druck stehen (Stichwort Insektensterben) ein weiteres großes Problem darstellt.

Zwar haben viele Bundesländer inzwischen verstanden, dass Handlungsbedarf besteht und, den Hinweisen von Naturschutz-NGOs folgend, vielerorts damit begonnen, in der öffentlichen Straßenbeleuchtung Leuchtmittel mit weniger Blau-Anteil zu verbauen. Doch geht der Umbau bundesweit eher schleppend voran und alleine mit der Straßenbeleuchtung ist es noch nicht getan: Autolampen, Wohnhäuser und Reklametafeln werden auch die nächsten Jahrzehnte unzählige Insekten in den sicheren Tod locken.

Für umweltbewegte Haus- und Gartenbesitzer bedeutet das, dass sie beim persönlichen Insektenschutz nicht nur ihre Gärtnermaßnahmen, sondern auch ein insektenfreundliches Lichtkonzept ins Visier nehmen sollten. Neben dem Verzicht auf schreckliche Kiesgärten und allzu viel Nutzrasen zugunsten von heimischen Blumenwiesen und „wilden“ Ecken ist auch der Verzicht auf die hübschen kleinen Garten-LEDs und Terrassenlampen mit hohem Blauanteil zu den Maßnahmen, mit denen jeder etwas für die Tierwelt tun kann. Tatsächlich gilt: Je mehr Dunkelheit man auf seinem Grundstück zulässt, umso besser ist das für die Tierwelt.

Und mit diesem Gedanken ziehen wir dann auch den Stecker unserer Lichtfalle und wünschen allen nächtlichen Brummern einen erholsamen und nicht zu hellen Sommer.

 


Weiterführende Links

Gesetzentwurf: Es werde weniger Lichts. Ein Bericht des WDRs


Fotos: Torsten Schneyer
Hilfe bei der Bestimmung: Michael Ludwig und Kerstin Berger

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