Fische am Ufer

Wildlife-Fans, Tierbeobachter und Fotografen spezialisieren sich oft auf möglichst große, spektakuläre Tiere. Bei mir ist das anders: Wie schon oft erwähnt, sind es vor allem die kleinen Naturwunder am Wegesrand, die mich faszinieren. Der Sommer liegt in den letzten Zügen und wir sind auf einem kleinen Spaziergang am Ufer der Nahle, im Auenwald Leipzigs. Eigentlich wollte ich Wespenspinnen (Argiope bruennichi) fotografieren, aber die Population der seltenen Krabbler, die ich hier letzes Jahr noch antraf, ist komplett verschwunden, obwohl der Fleck nicht gemäht wurde. Ich kann nur spekulieren, dass die außergewöhnliche Dürre dieses Jahr den Spinnen die Nahrungsgrundlage in Form der Feldheuschrecken entzogen hat, aber das soll an anderer Stelle behandelt werden.

Eine Bewegung im Wasser

Was mir diesmal ins Auge fällt, sind viele kleine Fische ganz nah am Ufer, direkt unterhalb des Nahlewehrs. Es ist ein regelrechtes Gewimmel zwischen den ufernahen Steinen in der prallen Sonne, keine 10 cm unterhalb der Wasseroberfläche. Mein Interesse ist geweckt – diese Minifische möchte ich mir genauer anschauen. Das ist freilich gar nicht so einfach, denn die Kleinen sehen offensichtlich verdammt gut und reagieren auf jede Bewegung: Sobald ich mich ihnen auf etwa 2 Meter nähere, flitzen sie zwischen den Steinen davon und verstecken sich… entweder im tieferen Wasser oder direkt unterhalb der Steine, zwischen denen sie sich herumtreiben. Zu welcher Art sie wohl gehören? Man könne welche heraus keschern, um sie zu bestimmen, aber einen Kescher habe ich nicht dabei.
Aber meine GoPro nebst wasserdichtem Gehäuse! Ich beschließe, den Fischis eine Filmfalle zu stellen und lege die Action-Cam einfach ins Wasser zwischen die Steine. Danach ziehe ich mich zurück, damit sie sich wieder hervor trauen. Später kann ich mir das Gewusel dann aus der Fischperspektive anschauen (siehe Video unten) und erkenne, dass es sich um zwei verschiedene Arten handelt.

Mehr als eine Spezies

Zum einen sind da ein sehr hell und glatt wirkender Typus von 6-10 cm Länge mit einem oberständigen Maul, was auf einen Karpfenfisch hinweist. Eine Bestimmung fällt mir hier extrem schwer, denn es gibt etliche Spezies, die als Jungfische so aussehen. Vielleicht ein Moderlieschen (Leucaspius delineatus), ein junger Aland (Leuciscus idus) oder ein eingeschleppter Blaubandbärbling (Pseudorasbora parva)? Keine Ahnung, hier muss ein Fischkenner ran und ich freue mich über entsprechende Hinweise. Leider ist das Videomaterial wegen des trüben Wassers für eine exakte Bestimmung auch nicht allzu brauchbar.

Anders verhält es sich beim zweiten Typ: Wir sehen einen eckig wirkenden Körperbau, eine starke hell-dunkle Musterung und sehr charakteristische Stachelflossen auf dem Rücken: Das kann nur der Dreistachelige Stichling Gasterosteus aculeatus sein.

 

Der Dreistachlige Stichling Gasterosteus aculeatus

Stichlinge finde ich gleich aus mehreren Gründen cool:

  • Sie sind ursprünglich (und nahezu weltweit) aus dem Meer in die Flüsse eingewandert und können sowohl in Süß- als auch im Salzwasser überleben. Der Stichling profitiert dabei massiv vom Ende der letzten Eiszeit im Pleistozän, welche viele Gewässer und Flussbetten zur „Neueroberung“ durch invasive Arten frei gab. Ich könnte also einen Stichling fangen und zu meinen Nemos ins Korallenriff-Aquarium setzen, wo er sich dann durchaus wohl fühlen dürfte. Im Meer lebende Stichlinge wandern übrigens zur Laichzeit die Flüsse hoch wie kleine Mini-Lachse.
  • Stichlinge tun spannende Dinge. Z.B. bauen sie Nester und beschützen ihre Brut. Überhaupt ist das ganze Fortpflanzungsverhalten von Stichlingen hoch interessant und war bei uns, damals in der fünften Klasse, ein Thema des Biologieunterrichts. In den Sommerferien hatte ich dann die Gelegenheit, das Revierverhalten der Stichlings-Männchen im heimischen Tümpel anzuschauen und die Ausführungen meiner Lehrerein bestätigt zu sehen, was mich sehr faszinierte. Man könnte durchaus sagen, dass der Stichling dazu beigetragen hat, mich zum Zoologie-Nerd zu machen. Der Niederländische Zoologe Nikolaas Tinbergen machte den Dreistachligen Stichling zu einem Modellorganismus seiner bahnbrechenden Verhaltensforschungen. Seine Modelle hatten über Jahrzehnte hinweg Gültigkeit (und sind auch heute nicht völlig irrelevant); sie dürften die Basis des von mir erwähnten Biologie-Lehrplans gewesen sein, in dessen Genuss ich als Kind kam.
  • Aufgrund seiner bewegten Evolutionsgeschichte ist der Stichling einer der variantenreichsten Süßwasserfische überhaupt und wurde von verschiedenen Wissenschaftlern 33 Mal (versehentlich) neu beschrieben.

Später fand ich übrigens am Ufer auf einem großen, flachen Stein, einen toten Stichling. Er muss wohl, vielleicht auf der Flucht vor einem Fressfeind, aus dem Wasser gesprungen sein und versehentlichen Suizid begangen haben. Unschön für den armen Stichling, aber er gibt uns durch seinen Tod die Möglichkeit, seine Anatomie noch einmal etwas genauer zu studieren: Die drei Rückenstacheln sind gut zu erkennen. Die großen Augen sind eine Anpassung an das trübe Flachwasser, welches oft – wenn auch nicht in diesem Fall – von der Uferböschung und von Wasserpflanzen abgeschattet wird.
Spannendes Detail: Stichlinge haben keine Schuppen! Die im Salzwasser lebende Form besitzt stattdessen senkrecht lang gestreckte Knochenplatten, die den Körper schützen. Bei im Süßwasser lebenden Fischen der Gattung Gasterosteus sind diese Schilde zurück gebildet und auf diesem Foto hier nur noch rudimentär, z.B. am ersten Rückenstachel, erkennbar. Woran mag das liegen? Drohen dem Stichling in Bächen und Teichen weniger Gefahren als im Meer? Gibt es im Meer aggressivere Parasiten? Ich finde es faszinierend, zu welch allgemeinen Überlegungen über unsere Natur ein unscheinbares Fischlein am Ufer anregen kann.

Gestrandeter Stichling

Dieser Artikel erschien in den Kategorien: Deutschland, Lebensräume, Tierbeobachtungen

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