Wer brav das „About the Nerds” gelesen hat, der weiß: Die Heimatstadt der „Nerds” ist das sächsische Leipzig. Nun geben wir ja auch offen zu, dass wir so ein kleines bisschen mit den meist schwarz gekleideten, gemeinhin als „Gothics” betitelten Gestalten zu tun haben – eine Subkultur und Szene, die sich seit über zwanzig Jahren in Leipzig mit dem alljährlichen Wave Gotik Treffen etabliert hat.
Was aber die meisten Gothics und auch sehr viele Sachsen nicht wissen: Leipzig war schon über 100 Jahre vorher die Hauptstadt gruseligen Gelichters. Denn von Leipzigern wurde der großartige, finstere und überaus schauerliche Vampiroteuthis infernalis entdeckt – der Vampirtintenfisch aus der Hölle! *muahaha!*

Zeichnung des ersten Fanges von Fritz Winter, 1898. Quelle: commons.wikimedia.org

 


Ein Traum, eine Idee und ein Visionär in Leipzig

Wir schreiben das Jahr 1897. In Deutschland herrscht äußerst konservativ Kaiser Wilhelm II. von Preußen. In diesem Jahr werden von John Harvey Kellog die Cornflakes erfunden. Rudolf Diesel setzt seinen ersten Dieselmotor in Gang. In Wien dürfen Frauen erstmalig Vorlesungen an der Philosophischen Fakultät besuchen. In London wird Bram Stokers „Dracula” veröffentlicht – und in Braunschweig wirbt ein energischer und äußerst charismatischer Mann mit einer feurigen Rede für die Umsetzung einer Tiefsee-Expedition.

 

Carl Chun ist sein Name und er mag das Wort „duftig” sehr, denn er verwendet es recht häufig. Chun ist leidenschaftlicher Biologe, ein Ästhet seiner Zeit und ein echtes Glückskind mit Charisma, den alle mögen. Geboren in Frankfurt am Main promoviert er schon mit 23 Jahren nach seinem Zoologie-Studium zum Doktor der Medizin. Krankheiten und Parasiten machen ihn aber nicht so recht glücklich. Viel lieber befasst er sich mit der geheimnisvollen Tiefenfauna des Meeres und spezialisiert sich immer mehr auf Rippenquallen, sogenannte Ctenophoren. Seine Leidenschaft treibt ihn an. Mit 26 Jahren ist er Privatdozent an der Uni Leipzig, mit 28 weltweit anerkannter und erfolgreicher Autor. Sein unermüdlicher Forscherdrang macht ihn außerdem zum Erfinder, der während der Familienurlaube am Mittelmeer mit eigens konstruierten selbstschließenden Fangnetzen seine Fangtechniken zu vervollkommnen versucht. Weitere Veröffentlichungen, eine erste Teilnahme an einer Expedition, ein weiterer Lehrstuhl in Königsberg und die Professur in Breslau sorgen für steigenden Bekanntheitsgrad.

Und nun steht er, Carl Chun, inzwischen 45 Jahre alt, ein etablierter Wissenschaftler und eine weltbekannte Autorität in der Meeresbiologie, 1897 in Braunschweig vor der Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte und hofft auf die Umsetzung seiner Idee. Und eigentlich hätte er gar nicht reden müssen, denn in den Augen Kaiser Wilhelms gilt es die britische Konkurrenz zu schlagen und außerdem ist Wissenschaft, Nationalstolz und alles Marine zurzeit absolut en vogue. Somit hat Chun die Versammlung schon überzeugt und das Siegel des Kaisers inklusive aller benötigten Gelder in der Tasche, bevor er auch nur den Mund aufgemacht hat.

Ab auf’s Wasser!

Die Vorbereitungen orientieren sich an der britischen Challenger-Expedition, mit der die Briten 20 Jahre vorher die erste globale Seeexpedition starteten. Die Deutschen wollen das besser machen und der Kaiser lässt sich nicht lumpen. Ein rund 100 Meter langer Schraubendampfer, ein ehemaliges Passagier- und Postschiff, wird umgebaut. Das Schiff bekommt Labore, Konservierungsräume, eine Dunkelkammer, das Lazarett, eine Bibliothek und selbstverständlich auch einen Salon mit Piano. Die Mannschaft inkl. Kapitän ist 43 Mann stark. Dazu kommen ein Konservator, ein Arzt, ein Fotograf und acht Wissenschaftler zusammen mit Carl Chun, der jetzt Professor für Zoologie an der Universität Leipzig ist. Pro Tag verschlingt das Schiff rund 26 Tonnen Kohle – mit 2.450 Tonnen Kohle geht es am 31. Juli 1898 im Hamburger Hafen an den Start.

Die Valdivia wird 9 Monate quer über die Ozeane schippern, auch weit in den winterlichen Süden, für dessen klimatische Verhältnisse sie gar nicht konstruiert ist. Sie wird um die 60.000 km zurücklegen und rund 274 mal stoppen, damit die Wissenschaftler Netze auswerfen oder Tiefenlotungen vornehmen können. Noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts ging man davon aus, dass ab einer Tiefe von 550 Metern überhaupt nichts mehr lebt. Man beginnt erst vorsichtig zu ahnen, wie belebt und divers die einzelnen Zonen der Tiefsee wirklich sind. Was die Wissenschaftler auf dieser ersten deutschen Tiefsee-Expedition an Fängen zurück nach Europa bringen, schreibt Wissenschaftsgeschichte.

Unseren höllischen Unterwasservampir fischen sie südlich des Äquators auf ihrem 65sten Halt aus einer Tiefe von 1200 Metern. Seinen Namen bekommt er wegen seiner mit einer Membran verbundenen Arme, was ihm angeblich ein vampirhaftes Aussehen verleiht. Vielleicht hatte jemand an Bord den frisch gedruckten “Dracula” von Bram Stoker dabei, wer weiß? Aber es gibt noch einen weiteren Link zum blutdurstigen Grafen: Da sich der Lebensraum des V. infernalis in Tiefen von 600 bis 3000 Metern bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt befindet und diese Umgebung teils nur eine Sauerstoffsättigung von 5% anbietet, hat der finstere Geselle gelernt mit einem sehr niedrigen Stoffwechsel zu überleben. Neben einem minimalen Anspruch an Bewegungsdrang besitzt der Vampirtintenfisch außerdem anstatt des roten Hämoglobin den Blutfarbstoff Hämocyanin, der sich bei Sauerstoffsättigung blau färbt. Hämocyanin ist dem Hämoglobin bei niedrigen Temperaturen deutlich überlegen und es bindet Sauerstoff stärker als der rote Blutfarbstoff. Ein echter Blaublüter also, unser Vampir…

Ansonsten jedoch ist an diesem zur Biolumineszenz fähigem Tier nichts vampireskes. Der Tintenfisch aus der Hölle hängt meist bewegungslos in der offene Wassersäule herum, spart Energie und lässt sich träge treiben. Der Nahrung muss er nicht entgegen schwimmen – sie kommt zu ihm, denn V. infernalis ernährt sich von „Meeresschnee”. Das sind herabsinkende organische Partikel aus den oberen Wasserbereichen wie abgestorbenes Plankton und kleinere tote Lebewesen sowie deren Ausscheidungen, aber auch Sand, Staub oder Ruß. Der höllische Tintenfisch ist da nicht wählerisch. Er spannt einfach seinen wunderschönen Mantel auf und alles was hineinschwebt, wird konsumiert. Wähnt er sich in Gefahr beginnt er ganz wundervoll und für seine Feinde verwirrend zu leuchten.

Und das hier ist er: Vampiroteuthis infernalis ! Der Echte! Eben DER höllische Vampirtintenfisch, den Carl Chuns Netze aus den Tiefseetiefen fischte und den der damals zum Start der Expedition grade mal 20jährige Fritz Winter so hervorragend zeichnete. Im Museum für Naturkunde in Berlin wird er in den wissenschaftlichen Sammlungen wohl verwahrt. Was ihn so wertvoll macht ist, dass er ein sogenannter „Holotyp” ist. Holotypen sind Erstfunde und die sich damit anschließende Erstbeschreibung eines Tieres, einer Pflanze oder eines Pilzes, nach denen sich alle weitere Funde orientieren. Und eigentlich ist der Vampirtintenfisch ganz ungefährlich, denn er ist nur geschätzte 3 cm groß. Aber wäre ich ein kleiner, herabsinkender Fisch-Kackehaufen – ja dann müsste ich mir schon Sorgen machen…

Holotyp des Vampiroteuthis infernalis. Quelle: ©MfN Berlin: Aus den wissenschaftlichen Sammlungen des Museums für Naturkunde Berlin.

Vampiroteuthis steht in seinem kleinen Gläschen in Berlin zwischen sehr vielen anderen Behältnissen mit weiteren Schätzen der Valdivia-Expedition. Was die Wissenschaftler damals von der Expedition im Mai 1899 zurück brachten umfasst nicht nur wertvolle Fotografien, Zeichnungen und wichtige ozeanographische Erkenntnisse, sondern auch eine unglaublich vielfältige Fülle an Sammlungsobjekten, die alle mühevoll bestimmt, konserviert und zu Sammlungen zusammengefasst werden mussten. Schon eineinhalb Jahre nach der Heimkehr erschien Carl Chuns populärwissenschaftliches Werk „Aus den Tiefen des Weltmeeres”, in dem er seine Reiseeindrücke zusammenfasste. Dank fortschreitender Digitalisierung können wir uns dieses Buch und weitere Werke von ihm online ansehen.

Die Aufarbeitung der mitgebrachten Fänge dauerte hingegen sehr viel länger. Sie wurden an 55 Wissenschaftler etlicher Institute verschickt und diese arbeiteten mal mehr, mal weniger intensiv (sehr zum Missfallen Chuns, wie uns sein Briefnachlass vermittelt) an den Sammlungsstücken. Es dauerte tatsächlich bis 1940, dazwischen lag ein Krieg, der zweite wütete noch, bis der letzte der 24 wissenschaftlichen Bände mit den Ergebnissen der ersten deutschen Tiefsee-Expedition endlich erschien. Carl Chun erlebte diesen Abschluss seines Erfolgs leider nicht mehr. Er starb 26 Jahre vorher in Leipzig im April 1914 mit nur 61 Jahren an einem Herzleiden. Neben dem Museum für Naturkunde Berlin befinden sich Teile der Chunschen Sammlung auch im Senckenbergmuseum Frankfurt am Main und, wie soll es auch anders sein, natürlich im Leipziger Naturkundemuseum. Wenn die Leipziger Stadtpolitik mal endlich in die Puschen kommt und es irgendwann eine neue Dauerausstellung gibt, dann werden wir diese Schätze bei einem Besuch im neuen Naturkundemuseum Leipzig auch bestaunen können.


Weitere Infos:

Spannende MDR-Doku über das Leipziger Naturkundemuseum und seinen Valdivia-Exponaten

Buchtipp! “Valdivia – Die Geschichte der ersten deutschen Tiefsee-Expedition” von Rudi Palla

Die Cephalopoden – Wissenschaftliche Ergebnisse der deutschen Tiefsee-Expedition (1915 / Digitalisat)

Wie Wissenschaftler sich freuen, wenn ihr Tauchroboter einem Vampirtintenfisch begegnet

Dieser Artikel erschien in den Kategorien: Allgemein, La Mere, Museen und Bildung

4 Gedanken zu “Sachsen meets Dracula!

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