Wir sehen aus, als wären wir „Apocalypse now“ direkt der Leinwand entflohen: Lange schmuddelige Tropenhosen, schwere Stiefel, Wadenschutz, die Gesichter glänzen vom Schweiß. Unsere Köpfe zieren verwegen gewickelte Tücher, darüber thront die Stirnlampe. Unsere „Waffen“, die wir über Schulter und um die Hüfte an Gürteln tragen, sind Kameras, Lampen, Wasserflasche. Es ist immer noch heiß und Wasser ist wichtig. Schweigend und leise nehmen wir Stufe für Stufe des steilen, sehr schmalen Trampelpfades. Vor uns auf dem toten Laub wabern die Lichtkegel unserer Lampen. Schalten wir sie ab, so würde alles im Schwarz verschwinden, denn es ist finster hier im nächtlichen Regenwald – stockfinster.

Unser Guide hat, neben seinem Bestimmungsbuch und seinen Erklärungen, eine weitere, sehr eigene und nonverbale Art, das Ökosystem des Waldes zu vermitteln: Er lehrt uns das Lauschen. Wir haben gelernt zu hören wann die Sonne untergeht um die Natur den Schatten zu überlassen, eben dann wenn die tagaktiven Zikaden und die nachtaktiven Grillen in einem kurzen Crescendo miteinander konvergieren. Der Wald bläht sich auf in seiner Präsenz, als atme er einmal tief ein. Und atmet aus und wird dunkel. Die Zikaden verstummen, nur die Grillen singen weiter. Dazwischen: das Rufen der Frösche.

In der Nacht wirkt der Regenwald auf uns noch viel dichter und gewaltiger. Foto: Birte Sedat ©2019

Viele Wege, viele Perspektiven

Wir haben auf dieser Reise auf unterschiedlichste Art den Regenwald betreten: Allein und nur kurz am Rand mit den Taschenlampen. Alternativ voll gerüstet und mit Kameras, um dann meist bei einem Busch, einem Baumstamm, auf dem sich etwas Besonderes bewegt, hängen zu bleiben. Wir waren mit einer Gruppe uns fremder Touristen im Rahmen einer regulären Führung unterwegs, ebenso mit eigenen Guides und mit im Vorfeld besprochenen Interessenschwerpunkten. Keine dieser Varianten ist die ausschließlich richtige oder falsche. Es muss abgewogen werden zwischen Eigenverantwortung versus Sorgenfreiheit sowie inhaltlicher und zeitlicher Autonomie versus garantierter Erfolgsquote. Positiv gesehen ermöglicht jede Variante eine andere Perspektive.

Unser erster Besuch des nächtlichen Regenwalds war autonom, in Form eines einfachen Spaziergangs. Natürlich nicht ohne Lampe. Lange Hosen und gutes Schuhwerk sind obligatorisch. Alles war neu und spektakulär. Mit Hilfe der Stirnlampe sind Spinnen gut auszumachen. Sie sind gleich mit den ersten Schritten durch den Regenwald das erste, was einem ins Auge fällt. Und dann die ziemlich großen Grashüpfer und Regenfrösche, die einfach überall herum sitzen. Grund genug, die Kameras zu positionieren und minutenlang zu staunen. Der Wald war groß und fremd und dunkel. Alles schien völlig neu, ganz außergewöhnlich. Gleichzeitig war uns bewusst, dass tausend Augen (die Komplexaugen nicht mit eingerechnet…) auf uns ruhen; Augen, die uns sehen, wir sie aber nicht…

Torsten mit unserer ersten großen Laubheuschrecke.

Mit 200% Ausrüstung unterwegs

Das Gegenstück dazu: Der nächtliche Weg gemeinsam mit Tracie und John, einem perfekt eingespielten Biologenteam mit dem Maximum an Ausrüstung und Technik. Der Weg erwies sich als befestigt und so einfach, dass selbst alte US-amerikanische Damen mitgehen und -staunen konnten. Mit Spektiv und kompatiblen Display, Fledermausdektektor (der die Ultraschallrufe der Tiere für unser Hörspektrum übersetzen und verstärken konnte) und mit einer UV-Lampe (für fluoreszierende Tiere wie Skorpione) war die Findequote an Tieren enorm hoch.

Mit Tracie, „the bug lady“, John und jede Menge Equipment auf Nachttour.

Der Höhepunkt dieser Tour war der Fund eines Stummelfüßers (engl.: Velvetworm). Diese Tiere sind ein absolutes Kuriosum und sehr schwer zu entdecken. Eine Biologin, die sich ausschließlich mit der Erfassung und Klassifizierung von Onychophora befasst, benötigte sechs Jahre, um überhaupt einmal das wildlebende Subjekt ihrer Forschung in der Hand zu halten.

Stummelfüßer bilden einen eigenen Stamm zwischen den Gliederfüßern (Insekten, Spinnen, Krebse etc.), Bärtierchen und den ausgestorbenen Lobopoden. Die Jagdmethode der samtigen Räuber ist sehr speziell: Sie speien blitzartig bis auf eine Entfernung von 50 cm eine Ladung Schleim in Richtung ihres Opfers, verkleben es damit und können in aller Ruhe, während der Schleim sich an der Luft erhärtet, ihrer Beute hinterher spazieren. Kurios außerdem ist, dass diese „Würmer mit Beinen“ lebendgebärend sind. Einen echten, freilebenden Stummelfüßer auf der Hand haben zu dürfen gestattet einem das Glück wahrscheinlich nur ein einziges Mal im Leben.

Dieser Samtwurm war ein absoluter Glücksfund. Foto: Birte Sedat ©2019

Mit allen Sinnen…

Heute hingegen sind wir mit unserem Guide auf Froschsuche. Viele haben wir auch schon gesehen, z.B. den stark bedrohten Oophaga granulifera oder den endemischen Phyllobates vittatus – beides wundervolle, sehr winzige und darum schwer zu findende Juwelen unter den Pfeilgiftfröschen. Wir wissen dass unser Guide nicht nur um die richtigen Habitate weiß, in denen sich diese Frösche finden lassen. Er kennt auch die Rufe der kleinen Amphibien. Der Sound des Regenwaldes lässt sich lesen. Einen kleinen Eindruck davon möchte er uns ermöglichen und bedeutet uns anzuhalten und uns einen Platz zum Sitzen zu suchen. Wir nicken einander zu, schalten die Lampen aus und dann sehen wir erst mal gar nichts mehr. Wir atmen. Minutenlang. Ganz langsam formt sich aus der flachen Finsternis eine dreidimensionale Tiefe. Über uns blinkt ein Stern in einer fernen Lücke sonst dichter, hoher Baumkronen. Kaum mehr als eine Ahnung wölbt sich der Nachthimmel über ihnen. Wir horchen still in die Tiefe, die uns umgibt. Selbst unser Atem wird leiser. Der Wald singt, knackt, tropft. Ich frage mich, wie es sich hier wohl lebt als kleines Tier, als Teil eines Ganzen, und wie es morgen sein wird diese Nacht überlebt zu haben. Ich fühle mich getrennt von all dem um mich herum, mit meinen schweren Wanderschuhen und den juckenden Mückenstichen an den Beinen und mit meinem sicheren, von elektrischem Licht beleuchteten Zimmer, in das ich bald zurückkehren werde.

Der aufgehende Mond narrt mit seinem Glimmen in der Vegetation. Oder sind es biolumineszierende Pilze? Und plötzlich: ein echtes Licht, dann noch eines. Geisterhaft tanzen sie vor uns über den Pfad: große orangefarbene Punkte. Ein drittes Licht glüht auf, fliegt an uns vorbei und wir? Wir wagen uns nicht zu bewegen und staunen in diesem alienhaften, fremden Feenwald.

Heller geht es nicht!

Erst im Licht der Lampen können wir den Urheber des Lichtes betrachten. In der Hand des Guides liegt ein rund 4 cm großer, recht unscheinbarer Käfer. Auf dunklen Käferrücken glühen uns grüne Augen entgegen, zwei große biolumineszente Punkte. Plötzlich rührt sich das Insekt, kaum dass Zeit für ein Foto geblieben ist, und es fliegt davon. Ein orangenes Irrlicht, dass den anderen hinterher eilt.

links: Ein „Click Beetle“. Im Licht völlig unscheinbar, aber mit zwei grün-biolumineszenten Punkten auf dem Thorax. Das orangefarbene Licht am Abdomen ist hier nicht zu sehen. Es befindet sich unten. Foto: Birte Sedat ©2019 / rechtes Foto: Wikipedia, Gilberto Santa Rosa, Rio de Janeiro, Brasil

 

 

 

Wir haben einen „Cucujo“, einen Leuchtkäfer aus der Familie der Schnellkäfer mit dem malerischen Namen Pyrophorus noctilucus gesehen. Dieser Käfer kann nicht nur grün, sondern auch orange leuchten, was außergewöhnlich ist. Biolumineszenz beruht auf einer chemischen Reaktion von Luciferinen mit molekularem Sauerstoff. Neben dem Abfallprodukt Kohlenstoffdioxyd wird Energie freigesetzt und zwar in Form von eigentlich grünem oder blauem Licht. Warum dieser Käfer auch zu orangenem Licht fähig ist und wie sich das chemisch verstehen lässt, konnte uns selbst ein Entomologe später nicht erklären. Nicht nur die Zweifarbigkeit ist besonders, P. noctilucus gehört außerdem zu den am hellsten leuchtenden Lebewesen unserer Welt.

Die Tiere werden im Englischen „Click Beetle“ genannt, weil sie sich bei Gefahr mit einem blitzartigen Verbiegen ihres Körpers, was ein klickendes Geräusch verursacht, aus der Gefahrenzone schleudern können. Unserer hingegen hat sich ganz leise und feenhaft aus dem Staube gemacht.

Rückkehr in die Zivilisation

Das kleine Dorf Agujitas nach solch einem nächtlichen Ausflug zu betreten, erzeugt in uns einen gelinden Lichtschock. Alles scheint sehr hell. Zwar locken Dusche und ein kaltes Bier, aber noch weilen die Gedanken zwischen den dunklen Bäumen und bei den wunderlichen Lebewesen, die wir dort gesehen haben. Und so bleiben wir noch auf der Veranda-Lounge unseres Hostels, obwohl wir müde sind, und tauschen uns mit den anderen Gästen und unserem Guide über unsere Erlebnisse aus. Alle zusammen betrachten die geschossenen Fotos.

Schließlich werden auch hier die Lichter ausgeschaltet Unser Guide macht sich auf den Heimweg. Die anderen Gäste verschwinden allmählich in ihre Zelte und Hütten. Wir hingegen sitzen noch ein wenig in der nun dunklen Lounge und lauschen in den nächtlichen Regenwald um uns. Hinten am Bücherregal: eine Bewegung, ein leises Klatschen. Fast gleichzeitig das selbe Geräusch aus der Küchenecke. Ich schalte meine Stirnlampe noch einmal an und suche mit dem Lichtkegel den Boden ab: Rote Augen glühen starr zurück. Die Frösche und Kröten sind gekommen und nehmen die Lounge, wie jede Nacht, in ihren Besitz. Der Mensch ist ein kurzes Blinzeln im Auge des Universums. Zieht er sich zurück, nimmt der Regenwald ohne zu zögern wieder seinen Platz ein…

Zur Nacht erobern die Frösche die Lounge zurück. Foto: Birte Sedat ©2019

 

Dieser Artikel erschien in den Kategorien: Costa Rica, Creepy Crawlies, Lebensräume, Museen und Bildung

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