Moschuschbock Auromia moschate

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Der Moschusbock – ein „aromatisches“ Juwel

Handys sind eine famose Erfindung, können aber auch furchtbar ablenken und den Nutzer gegen die Sinneseindrücke der Außenwelt abschotten… insbesondere wenn man auf dem Nachhauseweg ständig in das Flimmerrechteck schaut und dabei schlimmstenfalls beinahe vor ein Auto läuft. Andererseits ist es, lässt man das Ding ausnahmsweise mal in der Tasche, manchmal spannend zu beobachten, was andere Leute draußen so mit ihren tragbaren Ersatzgehirnen anstellen. So fällt mir auf besagtem Nachhauseweg dann auch auf, dass ein Junge fleißig den Gehweg abfilmt, wobei er eine Miene aus Ekel und Faszination zur Schau stellt. Auch die Mutter bleibt stehen und guckt skeptisch. Neugierig geworden stelle ich mich dazu und zusammen bewundern wir einen der schönsten und größten Käfer, die ich seit längerer Zeit in Deutschland entdeckt habe.

Denn dieser hier funkelt im Sonnenlicht wie ein kleiner Edelstein oder ein seltenes Erz. Der Panzer irisiert in Farben von Gold, Grün und Rosarot. Mit einer Körperlänge von etwa 3,5 cm, kräftigen Beinen und sehr langen Fühlern wuselt da ein stattliches Kerlchen leicht verwirrt über das Pflaster.

Der bockige Käfer

Die wirklich auffälligen Antennen identifizieren es als der Familie der Bockkäfer (Cerambycidae) zugehörig. Bockkäfer sind eine sehr artenreiche Gang. Fachleute kennen weltweit ungefähr 26.000 Arten – unter ihnen auch der gigantische Riesenbockkäfer aus Brasilien, der es auf Hundewelpengröße von 17 cm Körperlänge bringt (die Antennen nicht mitgerechnet…). Die schillernde Färbung vieler Käfer wird übrigens durch Strukturfarben verursacht… ein Thema, das wir unbedingt mal in einem eigenen Artikel würdigen müssen.

Ausgewachsene Tiere (die „Imagos”) ernähren sich von pflanzlichen Stoffen. Deshalb ist es etwas ungewöhnlich, dieses Exemplar hier mitten auf dem zugepflasterten Marktplatz herumkrabbeln zu sehen, ohne einen einzigen Baum weit und breit. Auch sind Bockkäfer ausgezeichnete Flieger und sehen vergleichsweise gut. Es verwundert ein wenig, warum unser Langfühler diesen Ort nicht einfach verlässt und sich ein schattiges Plätzchen im nächstbesten Park sucht. Ein Blick in den Himmel lässt mich vermuten, dass das Wetter einfach zu extrem für einige Tiere ist, um ein normales Verhalten zu zeigen: Wir befinden uns mitten im zweiten großen Dürrejahr, es hat fast 36° Celsius und seit 2 Wochen hat es nicht mehr geregnet. Wahrscheinlich ist dieser Käfer dehydriert und geschwächt. Hier auf dem Asphalt aber lebt dieser Käfer mehr als nur gefährlich: der nächste Passant wird vielleicht nicht filmen, sondern einfach drauf treten. Ich beschließe, dem Sechsbeiner zu helfen und außerdem ein paar Fotos von ihm zu machen, um später diesen Blog-Eintrag zu schreiben.

Karl der Käfer wurde nicht gefragt…

Nachdem der Junge zu Ende gefilmt hat, hebe ich den Käfer hoch und bringe ihn in unsere Wohnung an unser offenes Blumenfenster, wo die erfreute Birte (ein Hoch auf Frauen, die sich freuen, wenn der Mann Käfer nach Hause bringt!) und ich ihm Wasser aus einer Blumenspritze anbieten. Genau das Richtige, denn der Bockkäfer stürzt sich sofort auf die Tropfen, trinkt das Wasser mit sichtbaren Zügen, wobei er auch die Rinde des Weinrankenastes ausgiebig abschleckt.

Es ist schlimm, was die aktuelle Dürre mit der Natur macht. Nicht nur werfen auch dieses Jahr die Bäume mitten im Sommer ihr Laub ab und brennt der Wald in Mecklenburg-Vorpommern: Auch die Tiere leiden sichtlich, wobei das Verdursten der Insekten meist unter dem Radar der Beobachtung bleibt. Wir müssen sofort an unser Interview mit dem Entomologen Jim Cordoba-Alfaro denken, der uns während unseres Costa-Rica-Trips ähnliches über die Insektenwelt auf der anderen Seite des Planeten berichtet hat. Dieser Bockkäfer hat noch einmal Glück gehabt: Er bekommt eine Wasser-Flatrate und darf sich an unserem Fenster ausruhen, bis er fit genug ist die reichlich vorhandenen Bäume unseres Hinterhofs anzusteuern.

Während Birte Fotos schießt, mache ich mich an die laienhafte Bestimmung per Google und siehe da: Ein Anwärter ist schnell gefunden:

Aroma mit sechs Beinen

Der Moschusbock Aromia moschata gehört wegen seiner Größe und Färbung zu den bekannteren Bockkäfern. Er heißt so, weil er in der Lage ist, ein stark nach Moschus riechendes Abwehrsekret abzusondern. Wenn der Moschusbock gerade nicht nach Moschus duftet, lebt er von Pflanzensäften und Blütenpollen. Insbesondere Doldenpflanzen wie Holunder werden gerne von ihm besucht. Zur Fortpflanzung benötigt der A. moschata Weidenbäume, Pappeln oder Erlen, also weiche Laubhölzer, denn die Larven aller Bockkäfer sind xylobiont (Griechisch, xylo = Holz, biont = lebend); sie leben also im Holz und fressen sich darin dick und feist. Fast drei Jahre lang tun sie das, bevor sie sich verpuppen. Für die Freunde unnützen Fachwissens noch folgende Zusatzinformation: Die Puppe eines Bockkäfers nennt man „Puppa libra“, weil der Hinterleib, im Gegensatz zu starren Puppen anderer Insekten, beweglich ist. Diese Beweglichkeit ist bei einer Störung zu sehen. Dann windet die Puppe sich und schlägt mit dem Hinterleib um sich, um Fressfeinde wie z.B. Ameisen zu vertreiben oder abzuschütteln. Ist der Moschusbock erst einmal der Puppe entschlüpft, hat er nur noch wenige Wochen, um seine Keimdrüsen auszubilden, sich zu paaren und, im Falle es handelt sich um eine, ähm, Böckin (das lenkt mich jetzt ab: Wie nennt man einen weiblichen Bockkäfer? Geißkäfer???), Eier abzulegen. Das Leben als erwachsenes, frei fliegendes Kerbtier ist tatsächlich nur sehr kurz im Vergleich zum madigen Dasein im Totholz.

Apropos Totholz, auch das ist nicht ganz unwichtig: Natürlich ist totes Holz für die Larven viel geeigneter, denn sie können sich leichter hindurch bohren und es mit ihren Mundwerkzeugen zerkleinern. Deshalb sind Bockkäfer auf Naturwälder und naturnahe Parks und Gärten angewiesen! Wie für die allermeisten Tiere sind auch für die Bockkäfer sterile Baumplantagen, überpflegte Parks und ordentlich gehegte Gärten ein große Problem und tragen fleißig zum allgemeinen Artensterben bei. Dort, wo Bäume nicht entastet und „gepflegt“ werden, wo sterbende und tote Bäume einfach stehen und liegen bleiben, wie sie fallen, fühlen sich die Insekten am wohlsten. Speziell der Moschusbock liebt Weiden und ist entweder auf Auwälder mit altem Weidenbestand oder aber auf alte Kopfweiden angewiesen. Beides wird immer seltener. Folgerichtig gilt inzwischen auch Aromia moschata laut Bundesnaturschutzgesetz als „besonders geschützt“.

Insekten schützen: Was kann ich tun?

Hier kommen wir zum unvermeidlichen Gutmenschenaufruf: Rettet den hübschen Moschusbock und am besten alle anderen Insekten gleich mit. Sie sind nicht nur ein toller Anblick, sondern auch unfassbar wichtig als Blütenbestäuber und als Nahrungsgrundlage für den ganzen Rest der Tierwelt. Folgende Anregungen geben wir euch mit:

  • Garten- und Grundstücksbesitzer können in der Praxis am meisten tun: Bitte verzichtet auf sterile Ziergärten, sondern legt Naturgärten an! Säht echte Wiesen und beschränkt Zierrasen auf das Areal rund um den Grill. Sorgt für eine abwechslungsreiche Pflanzenstruktur und lasst alte Bäume stehen, wenn es irgendwie geht. Lasst Totholz liegen, auch mal einen kleinen Stamm. Gerade in urbanen Regionen sind Naturgärten oder naturnah genutzte Grundstücke ein enorm wichtiger Beitrag.
  • Selbst wenn ihr nur einen Balkon habt, könnt ihr den Insekten helfen: Mit Blumenkästen, in denen ihr speziell insektenfreundliche Wildblumen sät. Und mit einer Insektentränke.
  • Außerdem könnt ihr auf politischer Ebene aktiv werden: Unterstützt NGOs und Parteien, die sich für den Schutz der Umwelt einsetzen. Protestiert gegen den Klimawandel!

Etwas länger her: Leipziger Auwaldtier des Jahres 1997

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