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Begegnung der dritten Art: Der Großflossenriffkalmar

Tiefe Schwärze umgibt uns in fünfzehn Metern Wassertiefe und nur ein paar Quadratmeter zerklüftetes Riffgestein leuchtet fahl und gespenstisch im Licht unserer Taucherlampen auf. Plankton, bestehend aus winzigen Krebschen, kleinen Fischlarven und ringelnden Würmchen treibt wie zappelnde Schneeflocken durch die von uns erzeugten Lichtkegel. Größere, etwa fingerlange Fischchen werden von diesem Buffet angezogen und jagen ständig um unsere Hände und Köpfe herum. Nachts sieht das Riff völlig anders aus als am Tag: Die bunten Polypen der Korallen haben sich in ihr Basisgewebe zurück gezogen. Alle größeren Fische sind verschwunden und nur hin und wieder findet man einen von ihnen, meist schlafend zwischen die Steine geklemmt oder  – wie in Trance und völlig weggetreten – einfach so vorbei treibend. Nachtaktive Raubfische wie der giftige Rotfeuerfisch ziehen unter uns langsam die Bahnen ihrer Suchmuster nach und bizarre Kreaturen wie das Gorgonenhaupt, ein Schlangenstern mit unfassbar vielen Tentakeln, sind jetzt aktiv. Obwohl die Sonne bereits seit einigen Stunden untergegangen ist, ist das Wasser noch wohlige 27°C warm und umschmiegt mich in weicher Umarmung zum zischenden Sound meines Atemgeräts. Eine unheimliche und zugleich wunderschöne Szenerie.

Da glüht plötzlich etwas auf im Schein meiner Lampe und ich aktiviere meine GoPro (weshalb die Bilder dieses Artikels auch Kompressionsartefakte haben…es handelt sich um Snapshots aus einem Film). Kennt von euch, liebe Leser, jemand den alten Science fiction „The Abyss“ von James Cameron aus dem Jahre 1998? Daran muss ich denken, als eine Kreatur aus der Dunkelheit auf mich zugeschwebt kommt, die den Aliens, die am Ende des Films auftauchen, nicht völlig unähnlich ist: Ein bisschen bleich, halb transparent und regenbogenfarben irisierend. An einem Ende wedelt das Tier mit einem langen Flossensaum, am anderen recken sich zarte Tentakel. Und vor diesen Tentakeln sitzt das fremdartigst-hypnotischste Auge, dass ich je aus der Nähe betrachten durfte. Eindeutig ein Cephalopode, also ein Kopffüßer.

Zuerst halten wir ihn für eine Sepia, wegen des großen Flossensaums und weil wir mitten in einem Korallenriff sind; denn da gibt es nun mal vor allem Sepien. Kalmare sind dagegen eher athletische Tiere der Hochsee, wo einige Arten wie. z.B. der Kolosskalmar Mesonychoteuthis hamiltoni oder der Riesenkalmar Architeuthis dux,zu den sagenumwobensten Riesen der Meere gehören. Außerdem haben Kalmare sonst kurzen, flügelartigen Flossen am Körperende. Dieser hier jedoch ist in vielerlei Hinsicht eine Ausnahme: Zum Einen ist er weder besonders mythisch, noch besonders groß oder schnell, zum Anderen lebt er tatsächlich in Korallenriffen und hat einen langen Flossensaum, der dem von Sepien ähnelt. Aber seine großen Augen und die schlanke, torpedoartige Gestalt verraten ihn.
Es handelt sich im den Großflossenriffkalmar Sepioteuthis lessoniana.

Ich liebe alte naturwissenschaftliche Illustrationen. Dieser Kupferstich von Pierre Denys de Montfort von 1801 illustriert den Unterschied zwischen einem Kalmar (links) und einem Oktopus.
Foto: Paul D. Stewart / Science Photo Library

Seit dem Start dieses kleinen Blogs ging es hier bereits hoch her: Moore, Wälder, mediterane Tierwelt… was bis dato jedoch fehlt(e), sind Beiträge von unseren vergangenen Fern- und insbesondere den Tauchreisen. Hier haben wir zwar einiges Material, doch fühlt sich das beim Durchsuchen oft ein wenig oll und gestrig an. Warum eigentlich? Eigentlich kann es dem Leser dieses Blogs doch egal sein, ob die Autoren einen Trip vorgestern oder vor fünf Jahren unternommen haben… was zählt, ist der Inhalt. Und der ist manchmal spannend, so wie diese nächtliche, subaquatische Begegnung, an die wir gerne zurückdenken. Den Großflossenriffkalmar haben wir an der Südspitze von Sulawesi getroffen. Wer jetzt grübelt: Sulawesi ist eine Insel und gehört zum Staat Indonesien. Dort waren wir zwei Wochen auf Tauch- und Erkundungstour und haben unter anderem auch Nachttauchgänge wie diesen hier gemacht. Doch zurück zum Kalmar.

Sepioteuthis lessoniana bewohnt die Küsten aller tropischen Meere von Ostafrika bis nach Australien. Sein Hauptverbreitungsgebiet ist freilich Südostasien, wo wir uns auch gerade befinden. Der deutsche Trivialname “Riffkalmar” ist ein bisschen irreführend, weil Sepioteuthis lessoniana keineswegs nur in den seichten Korallenriffen in Strandnähe lebt, sondern bis in eine Tiefe von 100 Metern zu finden ist. Tatsächlich verhält es sich so, dass die nachtaktiven Tiere tagsüber in größerer Tiefe vor sich hin tentakeln und in der Nacht nach oben kommen; ein Rhythmus, den sie mit einer Vielzahl von Meeresbewohnern teilen. Dabei bilden sie oft größere Schwärme, die lose mit- und umeinander schwimmen. Doch auch einzeln kann man sie sehen, so wie wir das gerade tun. Riffkalmare sind, wie nahezu alle Kalmare geschickte und schnelle Räuber.

Mit den wellenförmigen Schlägen ihres Flossensaums können sie flink und präzise manövrieren und mit ihrem zweiten „Motor“, dem Rückstoßantrieb (ein stoßweiser Wasserausstoß aus dem Atemtrichter unterhalb des Mantels) können sie enorme Geschwindigkeiten erreichen. Sie sind Räuber und packen ihre Beute, meist kleine Fische, mit den beiden ausfahrbaren Fang-Tentakeln, um sie dann mit ihren anderen acht Armen festzuhalten (zur Erinnerung: Oktopoden haben  insgesamt acht, Kalmare und Sepien zehn Arme). Der Fisch wird dann zum irgendwie papageienartig anmutenden, im Zentrum der Arme versteckt liegenden Schnabel geführt und dort zerkaut.
Großflossenriffkalmare pflanzen sich das ganze Jahr über, mit einem leichten Peak im Mai, fort. Wie bei den meisten Kopffüßern stirbt das Weibchen bald nach der Eiablage, bei der es bis zu 1.000, manchmal auch etwas mehr, Eier produziert. Die kleinen Lakmare sind nach dem Schlupf Kopien ihrer Eltern und haben eine Wachstumsrate, die unter wirbellosen Meerestieren einzigartig ist: nach nur vier Monaten wird aus einem wenige Millimeter großen Tintenfischchen ein 600 g schweres Tentakeltier. Kalmare sind also recht schnelllebige Kreaturen und haben eine kurze Lebensspanne. Was schade ist, denn wie andere Kopffüßer sind sie vergleichsweise schlau für ein Tier, das nicht mal eine gescheite Wirbelsäule hat. Schaut euch nur diese Augen an:

Riffkalmar und Sulawesi

Und auch wir, die wir gerade vor ihm im Wasser schweben, haben den Eindruck, dass hinter diesen hypnotischen Augen jemand zuhause ist. Der Kalmar reagiert definitiv auf uns, ist neugierig und checkt uns ab. Gleichzeitig hat dieses schillernde Auge etwas unfassbar Fremdartiges. Welches Körpergefühl, welche Emotionen mag ein Wesen haben, dass zehn Arme, einen Schnabel, mehrere Herzen und ein Gehirn besitzt, welches von unserem durch eine parallel verlaufende Evolution von ca 500 Millionen Jahren getrennt ist. So lange ist es nämlich etwa her, dass unser letzer gemeinsamer Vorfahre durch das Wasser geschwabbelt sein muss. Ich vermute, der Kalmar stellt sich weniger naturphilosophische Fragen als ich, während er uns langsam und vorsichtig umschwimmt und beglubscht, aber ich gehe jede Wette ein, dass er uns mit unseren Tauchmasken und Blubberblasenmaschinen ebenso bizarr findet wie wir ihn. In seiner Welt sind wir die Aliens.

Für Momente des Staunens wie diesen hier lebe ich, und ich freue mich, dass ich dem Kalmar begegnen darf. Leider werden solche Gelegenheiten immer seltener, denn Kopffüßer haben es schwer. Das Problem aller Riffkalmare (es gibt natürlich nicht nur diese eine Spezies) ist, dass sie frisch vom Grill mit etwas Knoblauch und Zitronensaft ziemlich lecker sind und außerdem wunderbar gesunde und nahrhafte Proteinsnacks abgeben. Insbesondere S. lessoniana ist von immenser kommerzieller Bedeutung und stellt in manchen Jahren die am stärksten befischte Art unter den „Squids“ dar. In wieweit er davon tatsächlich bedroht ist, kann man nur mutmaßen, denn es gibt, gerade im südostasiatischen Raum, keine relevanten wissenschaftlichen Erhebungen dazu. Tatsächlich ist es den großen Fischtrawlern sogar weitgehend egal, welche Spezies sie gerade genau abfischen: Squids are squids, und alle kleinen Arten sind gut genießbar. Ich kann nicht behaupten, dass mich Tierbeobachtungen zum Veganer gemacht haben, aber Kalamari esse ich seit dieser Nacht nur noch mit schlechtem Gewissen.

Dann wird es für den Kleinen aber doch langsam Zeit, Abschied von uns zu nehmen. Er dreht noch eine kleine Runde um uns herum, schließlich spreizt er (oder sie, man weiß es nicht genau) seine Arme und zeigt uns demonstrativ seine Hinterseite. Sepioteuthis sinkt wieder dort hinab, wo er her kam: In die dunklen Tiefen vor Sulawesi.

Riffkalmar in Sulawesi


Noch einige spannende Fakten über den Großflossenriffkalmar:

Die schillernden Farben in seinem Auge sind sogenannte Strukturfarben.

Kalmare können hören! Dies ist unter anderem auch eine Anpassung an die Echolot-Jagdmethode ihrer größten Feinde, der Zahnwale.

Population und Verbreitung der Großflossenriffkalmare werden durch die gloabe Erderwärmung verändert. Die Art dient der Wissenschaft inzwischen als Indikator-Spezies.

 

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