Wasser schlägt über meinen Kopf zusammen. Ich spüre wie eisige Finger sich um meinen Nacken legen und dann langsam die Wirbelsäule hinab kriechen. Unter mir nur grün. Ich atme tief aus und beginne zu sinken. Die Wellen an der Wasseroberfläche und ich, wir schauen uns an während es um mich herum trüber wird. Im großen Gurgeln und Schäumen der salzigen See schießt etwas Großes auf mich zu.

…doch von Anfang an:

Dieses Jahr war ein trockenes Jahr. Nicht nur für die Natur, auch für uns Nerds. Wir waren kein einziges Mal im, ähm nein, unter Wasser. Und dies, obwohl Tauchen eine unserer Leidenschaften ist. Das wollten wir so nicht stehen lassen. 2018 muss zumindest einmal getaucht werden! Und wenn es schon nur ein einziger Tauchgang ist, dann soll er bitte großartig sein! Wir recherchieren also, bereiten uns vor, suchen unsere Tauchsachen zusammen und brechen gen Nordosten auf um für ein Wochenende Rostock unsicher zu machen. Rostock beherbergt das Marine Science Center, an dem in Zusammenarbeit mit der Rostocker Universität Forschung zu den kognitiven Fähigkeiten von Meeressäugern betrieben wird. Wie bei vielen Forschungsprojekten im naturwissenschaftlichen Bereich sind auch hier die Gelder knapp und das MSC Rostock hat einen Weg der Mitfinanzierung gefunden, indem es Tiertrainer-betreute Tauchgänge mit ihren Forschungstieren in deren in der Ostsee gelegenen Gehege anbietet. Das Ergebnis ist: Ganz viel Spaß, es gibt eine Menge zu lernen und mit dem Geld wird auch noch ein wissenschaftliches Projekt unterstützt, respektive am Leben gehalten.

Schon seit Wochen beobachten wir besorgt den Wetterbericht. Mein kältestes Wassererlebnis waren 8°C Wassertemperatur unter der Sprungschicht in einem Süßwassersee und ich erinnere mich jetzt noch mit unterdrücktem Frösteln an das Brainfreeze-Feeling, welches sich sonst nur beim Eisessen einstellt. Am 23. Oktober zieht der erste richtige Herbststurm über den Norden, in Hamburg gibt es Sturmflutwarnung, aber glücklicherweise stirbt Sturmtief „Siglinde” einen Tag darauf den meterologisch typischen Tod auf dem europäischen Festland. Es bleibt zwar kühl und grau, aber Regen und Sturm halten sich dezent zurück. Mit 12°C Wassertemperatur ist die Ostsee zwar immer noch fünf Grad wärmer als die Luft, aber insgesamt und ohne Trockentauchanzug ist das Ganze doch eine gewisse Herausforderung.

Mit dem Wind ist die gefühlte Temperatur bei 7°C, aber das Wasser ist glücklicherweise wärmer. Foto: ©Torsten Schneyer, 2018

Wir treffen uns ein paar Bootsstege vom MSC entfernt in der Tauchbasis. Christian, der Betreiber der Tauchschule, checkt mit uns unsere Tauchunterlagen und dann findet ein ausführliches Briefing statt, bei dem wir über die no-go-Bereiche aufgeklärt werden und wie man sich mit neun dicken und sehr quirligen Räubern zusammen unter Wasser richtig verhält. Insgesamt leben in den Becken zwölf männliche Tiere: Neun Seehunde (Phoca vitulina), zwei Kalifornische Seelöwen (Zalophus californianus) und ein Seebär. Damit sind aus der Gruppe der Robben (Pinnipedia) auch zwei von den drei Familien vertreten: Die „Hundsrobben“, zu denen Phoca gehört und die „Ohrenrobben“, zu denen Seelöwen und Seebären gezählt werden. Die Unterscheidung von Ohrenrobben und Hundsrobben ist einfach: Alle Ohrenrobben besitzen kleine äußerlich sichtbare Öhrchen, Hundsrobben nicht. Die Beinflossen der Hundsrobben sind nach hinten ausgerichtet und taugen nur unter Wasser zur Fortbewegung, an Land sind sie eher unelegant. Ohrenrobben hingegen können ihre Beinflossen unter den Bauch drehen um damit an Land herumzuwatscheln. Der Name übrigens sagt es schon: Alle Robben sind tatsächlich mit unseren Hunden verwandt, denn Hunde wie auch Robben gehören zur Überfamilie der Hundeartigen, der Canoidea.

Wir werden nur mit den Seehunden tauchen. Die Seelöwen und der Seebär bleiben in einem eigenen Gehege, das mit einem Netz vom Seehundgehege getrennt ist. Christian weist uns mit großem Nachdruck darauf hin, dass Gucken erlaubt ist aber wir sollen von diesen Netzen mindestens einen Meter Abstand halten. Die Tiere dahinter sind sehr neugierig und offensiv verspielt. Mit einem Gewicht von bis zu 400 kg können sie leicht die Netze ausbeulen. Niemand möchte von einer Honda Goldwing in 6 Meter Tiefe überfahren und vor allem möchte man nicht von ihr gebissen werden…

Seehund ahoi – es geht los!

Ein kleines Boot wartet schon und lässig steuert uns Christian an Bootsstegen mit teuren Yachten vorbei hinaus zur Ostmole. Hier liegt das zur Forschungsstation umgebaute Schiff „MS Lichtenberg“ mit seinen umliegend abgesteckten und rund 10.800 m³ fassenden Seehundgehegen. Die Station ist damit die weltweit größte Robbenforschungsanlage obwohl sie von oben betrachtet erst mal recht klein wirkt.

Das Marine Science Center Rostock. Foto: ­©Torsten Schneyer, 2018

Vom schwankenden Boot auf die wackeligen Schwimmstege der Forschungsanlage umzusteigen verlangt einen guten Gleichgewichtssinn. Schließlich sitzen wir am Rand des Geheges, die Füße schon im Wasser, und ein strenger Tiertrainer wacht hinter uns darüber dass wir mit ordnungsgemäßen „Drehendem Einstieg“ ins Wasser gleiten, um kein Tier zu verletzen.

Alles ist Grün. Als erstes fallen mir die vielen kleinen Quallen auf, keine größer als 6 cm. Und schon schießt der erste Seehund an mir vorbei, große, dunkle Augen, ein kurzer Blickwechsel zwischen mir und dem Tier, er biegt seinen torpedoförmigen Körper, wendet elegant und verschwindet wieder in der trüben Ferne. Die Neugierde wurde offensichtlich befriedigt. Ich tariere mich aus und beginne mich zu orientieren.

Fiese Quallen, die eigentlich keine sind…

Meerwalnuss. Wikipedia, Monterey Aquarium

Das Becken bietet mit seinen 4-6 Metern Tiefe einen überschaubaren Tauchgang, bei dem keine Sorge besteht, dass eine Stickstoff-Übersättigung stattfinden könnte. Dies gewährt uns einige Bewegungsfreiheit. Am Grund gibt es außerdem einiges zu entdecken. Krebse klettern über die am Boden ausgelegten Gitter, kleine Schleimfische wuseln zwischen Algen und Muscheln. Das Wasser ist voll mit umherschwebenden Quallen, alle sehr winzig und nicht größer als sechs Zentimeter. Mit steigendem Erstaunen entdecke ich neben den ortsüblichen Ohrenquallen (Aurelia aurita) auch kleine Rippenquallen, umgangssprachlich als Meerwalnuss (Mnemiopsis leidyi) bekannt. Die Meerwalnuss ist eigentlich keine richtige Qualle, sondern bildet aufgrund fehlender Nesselzellen einen eigenen Stamm. Die Sichtung dieser Tiere ist zwar ästhetisch sehr erfreulich, aus ökologischer Sicht sind sie aber für die Ostsee eine Katastrophe, denn die Rippenqualle ist ein sogenannter Neozoen – ein Tier, das eigentlich an der Ostküste der USA lebt und dort auch genügend Fressfeinde hat, die ihre Population kontrollieren. Nun aber ist die Meerwalnuss im Ballastwasser von Schiffen in die Ostsee eingeschleppt worden und entpuppt sich im sensiblen Ökosystem des Binnenmeeres als harter Nahrungskonkurrent für die heimischen Jungfische. Da die ansässigen Räuber wenig mit ihr anfangen können kann sie ungehindert bis zu 200 Liter Wasser am Tag filtrieren und damit 80–90% der Nahrungsgrundlage hiesiger Fischarten wegfressen. Auch kleine Krebse, die für die Beseitigung von Algen zuständig sind, gehören zu ihrem Nahrungsspektrum. Die Folge sind unkontrollierter Algenwachstum, dadurch bedingter Sauerstoffmangel und Mangel an Nachwuchs bei Sprotte und Hering und anderen regionalen Fischarten. Die rasante Ausbreitung der kleinen Glibberlinge bereitet Meeresbiologen Kopfzerbrechen – eine Lösung ist nicht in Sicht. Mit dem Ballastwasser-Übereinkommen, dass 2017 endlich in Kraft treten durfte, ist aber zumindest ein erster Schritt getan.

Während wir ausgiebig alles betrachten sind die Seehunde immer da. Sie haben ganz offensichtlich keine Angst, kommen aber selten auf Tuchfühlung. Wir interessieren sie ganz einfach nicht. Es ist ganz klar, wer hier das Hausrecht besitzt. Immer wieder ein kurzer Check, Augenkontakt und schon sind sie wieder verschwunden. Ich staune über die Flinkheit. Seehunde sind evolutionär perfekt für die Fortbewegung unter Wasser ausgerüstet. Trotz ihrer Fähigkeit bis zu 40 km/h beschleunigen zu können, ist keine Druckwelle zu spüren. Hätten wir die Augen geschlossen, würden wir nicht bemerken wenn einer an uns vorbei taucht. Zu gerne würde ich die Hand ausstrecken und das kurze silberschwarz-gefleckte Fell berühren, aber meine Hände stecken im dicken Neopren und außerdem ist Anfassen verboten, es sei denn das Tier sucht selbst aus freien Stücken den Kontakt. Und das ist auch gut so.

 

Nach 35 Minuten, die sagenhaft schnell vergehen, merken wir dann doch die Kälte in Händen und Füßen. Zwischen den herumtobenden Seehunden hieven wir uns mit Christians Hilfe wieder aus dem Wasser und nehmen den anstrengenden Teil des Sporttauchens in Angriff: Geräte schleppen, umziehen in der Herbstkälte, Ausrüstung säubern und diese zum Trocknen aufhängen.

Im Anschluss schlendern wir über die Stege noch einmal zur Forschungsstation und lernen Katja kennen, die neben ihrem Studium der Zoologie den Besuchern des Marine Science Centers ihre Fragen beantwortet. Diese Gelegenheit nutzen wir doch gerne und erfahren noch so einiges Spannende zu den Forschungsprojekten rund um die Sinnesorgane der Robben. Katja zeigt uns neben fluffiger Seehund-Wolle (endlich ist Anfassen erlaubt) auch eine „Vibrisse”, ein Seehund-Tasthaar. Mit diesem kleinen Wunderding, das neben den anderen Sinnesorganen ebenfalls Gegenstand der Forschung am MSC ist, können Seehunde unter Wasser Bewegungen sowie die Größe ihrer Beute erfühlen und sich orientieren.

Katja zeigt uns ein Seehund-Tasthaar. Foto: ©Torsten Schneyer, 2018

Erschöpft und voll mit neuen Eindrücken machen wir uns auf den Heimweg. Unter wie auch über Wasser sind auf der GoPro eine Menge schöner Aufnahmen entstanden. Gleich nach unserer Heimkehr setzt sich Torsten an den Rechner und schneidet diese zu einem Film. Taucht mit uns gemeinsam noch einmal in die Ostsee ein. Und wenn ihr Taucher seid, dann kann ich euch diese wunderschöne Möglichkeit, Wissenschaft zu unterstützen, wärmstens ans Herz legen. Vielen Dank @Marine Science Center! Es ist großartig Wissenschaft auf diesem Weg miterleben und verstehen zu dürfen!

 


Weitere Infos:

Kurzfilm zur Robben-Forschung am Marine Science Center Rostock

 

 

Dieser Artikel erschien in den Kategorien: Deutschland, La Mere, Museen und Bildung, Tierbeobachtungen

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