Mikroabenteuer, Naturbeobachtungen und Trekking für Leute mit Schlaubrille
3. Mai 2021

Wildnis bei den Nerds: Das Paludarium

By In Kunst und Wissenschaft, Mensch und Natur

Wir schreiben das Jahr 2021: Ganz Deutschland stöhnt unterm Corona-Lockdown und weiß absolut nichts mit sich anzufangen. Ganz Deutschland? Keineswegs: Neugierigen Menschen ist niemals wirklich langweilig und aus diesem Grund habe ich mir einen ganzen Haufen herausfordernder Lockdown-Projekte künstlerischer und auch naturalistischer Art aufgehalst. In die zweite Kategorie fällt ein überaus spannendes vivaristisches Abenteuer, dass ich euch mit diesem kleinen Artikel in Wort und Bild vorstellen möchte: Mein neues Paludarium.

Achtung: Erfahrenen Vivarianern könnte dieser Blogartikel zu weitschweifig sein. Für euch gibt es am Ende dieses Artikels eine Zusammenfassung der Technik und des Tier-und Pflanzenbestands.

Paludarien: Das Schönste aus zwei Welten

Palu…was? Vielleicht klären wir erst einmal ein paar Begriffe! Grundsätzlich bewegen wir uns hier im weiten Tätigkeitsfeld der Vivaristik, also der Haltung von lebendigen Wesen (Viva, lat. = „lebendig/lebend“) innerhalb einer künstlichen Anlage.
Jeder weiß, was ein Aquarium ist: Ein mit Wasser gefüllter Glasbehälter, in dem Fische und andere Wassertiere in einer naturnahen Umgebung leben, daher auch das lateinische Wort Aqua für Wasser in der Bezeichnung. Die meisten Hobbyisten pflegen Süßwasseraquarien mit Wurzeln, Steinen, Wasserpflanzen und den entsprechenden Süßwassertieren wie Fische, Garnelen oder Schnecken, doch gibt es auch eine kleinere Anzahl von Aquarianer*innen, die sich der Herausforderung der Meerwasseraquaristik und der schwierigen Pflege von Korallen und anderen Meerestieren widmen. Ein Terrarium (Terra, lat. = „Erde“) wiederum simuliert eine Landumgebung und in ihm pflegt man Landpflanzen und Tiere wie Reptilien, Insekten, Spinnentiere oder kleine Landsäuger. Hat das Terrarium zusätzlich einen ausgeprägten Wasserteil, der mehr ist als eine mit Wasser gefüllte Badeschale, dann spricht man von einem Aquaterrarium. Es ist vor allem für die Pflege von Amphibien und Wasserschildkröten gedacht. Der Wasserteil dient dazu, dem überwiegend landlebenden Tier dennoch den periodischen Aufenthalt im nassen Element zu ermöglichen und ist hier eher Mittel zum Zweck.

Das Paludarium ist eine Unterform des Aquaterrariums und der Versuch, aquaristische und terraristische Aspekte möglichst gleichberechtigt und auf ästhetisch ansprechenden Niveau miteinander zu verschmelzen. Im Wort Paludarium steckt das lateinische Wort Palus („Sumpf“). Es handelt sich um größere Terrarien mit viel Wasser. Vom Aquaterrarium unterschiedet sich das Paludarium durch einen Wasserteil, der tief und voluminös genug ist, um in ihm echte Aquaristik zu betreiben. Es gibt eine gewisse Verwirrung um die Abgrenzung des Paludariums zum sogenannten Riparium (lat. ripa = Ufer), welches explizit versucht, eine Uferlandschaft darzustellen, während das Paludarium ursprünglich einmal dazu gedacht war, eine sumpfige Wasserlandschaft zu zeigen. In den letzten 50 Jahren, ganz besonders seit dem Aufkommen des Internets, hat sich der Paludariumsbegriff größtenteils für alles durchgesetzt, was ein bisschen aufwendiger als ein normales Aquaterrarium ist. Das abschließende Urteil darüber, ob es sich bei dem hier vorgestellten Projekt nun wirklich um ein Paludarium oder nicht doch eher um ein Riparium handelt, möchte ich den Leser*innen überlassen, ich selbst habe mich hier – trotz persönlicher semantischer Bedenken – für die allgemein akzeptierte Bezeichnung entschieden.

Idee und Konzept

Nachempfunden wurde also der Uferbereich eines kleinen tropischen Regenwald-Bachlaufs. Da uns die Corona-Krise eine zweite Reise in die Regenwälder Costa Ricas vereitelt hat, habe ich beschlossen, den Regenwald zu mir in die heimischen vier Wände zu holen. Das dargestellte Stück Natur verkörpert einen Ausschnitt aus dem tropischen Regenwald und das Becken ist vergleichsweise hoch. Nicht nur das Wasser und der Uferbereich sind gezeigt, sondern, sehr Regenwald-typisch, auch die Region des Astwerks und der bewachsenen Hänge und Baumstämme. Ziel dieses Projektes war eine maximal dichte Vegetation und ich wollte einmal austesten, wieviel Dschungel man in einen Glaskasten mit einem Volumen deutlich unter einem Kubikmeter bekommt.

Und so sieht es momentan aus:

Paludarium Gesamtansicht

Das Becken in der frontalen Gesamtansicht. (Foto: Torsten Schneyer, 2021)

Tiere spielen in diesem Projekt nur eine untergeordnete Rolle, auch wenn bereits welche im Paludarium leben. Geplant ist ein kleiner Tierbesatz aus kleinen bis kleinsten Arten, der die Pflanzen nicht stört und sich harmonisch einfügt.
Ich selbst betreibe Terraristik mal mehr, mal weniger intensiv seit über 25 Jahren und weiß daher: Tropenterrarien als solche sind schon lange nichts Besonderes mehr. Es gibt sie wie Sand am Meer, insbesondere in der Reptilien- und Amphibienhalterszene. Allerdings muss man konstatieren: Die allermeisten dieser Becken haben ziemlich wenig mit dem Regenwald zu tun. Es handelt sich oft einfach nur um lose bepflanze Behältnisse für Geckos, Anolis, Chamäleons oder Frösche. Ausgestattet mit einigen stabilen Kletterästen, schwächlich beleuchtet durch T5-Röhren, Tageslichtlampen oder schwache LED-Funzeln und beheizt mit Strahlern oder Heizkabeln sind diese Becken grob auf die Bedürfnisse ihrer tierischen Bewohner zugeschnitten. Die Rückwand besteht aus Kork oder einer mit Fliesenkleber zugekleisterten Styropor-Wand, in die Blumentöpfe für die Pflanzen eingearbeitet sind. Diese wiederum haben in solchen Becken vornehmlich eine Alibifunktion und sollen das Terrarium ein bisschen „dschungelmäßiger“ wirken lassen. Folglich handelt es sich meist um sehr robuste, schnell wachsende Philodendron-, Epipremnum-, und Ficus-Arten. Sorgfältige Tierhalter sprühen diese Becken einmal am Tag mit Wasser aus, um die Luftfeuchtigkeit zu erhöhen.
Tatsächlich haben solche Terrarien mit einem tropischen Regenwald wenig zu tun und geben bestenfalls Umweltbedingungen der Subtropen wieder. Insbesondere die geringe Rolle, die die Pflanzen in diesen Becken spielen und die unnatürliche Art und Weise, wie sie in Blumenerde und innerhalb monokultureller Einheiten gepflegt werden, entspricht nicht dem Regenwald-Biotop.

Etwas besser sieht es in der Sub-Szene der Terrarianer aus, die sich auf Dendrobaten, also auf Pfeilgiftfrösche, spezialisiert haben. Die Ansprüche dieser bunten Regenwaldfröschlein hinsichtlich der Umweltbedingungen sind sehr spezifisch und zwingen den Menschen, der sich ihnen daheim widmen will, zu einigen Anpassungen in Richtung Regenwald. Was macht nun ein Regenwald-Terrarium zu einem solchen?

Eigentlich verstehje ich von regenwald-Vivaristik erstaunlich wenig und betrachte mich als Wiedereinsteiger. Mit diesem Paludarium wollte ich die Vivaristik für mich noch einmal komplett neu erlernen und meine ganzen alten Gewohnheitszöpfe abschneiden.
Neue Materialien, neue Techniken aisprobieren und so nah wie möglich am aktuellen High-End-Standard für Becken dieser Größe (bzw: „Kleinheit”) arbeiten: Viel Sprühregen, viel Licht, eine üppig zugewachsene Rückwand, alle Pflanzen rein epiphytisch wachsend, Moose auf allen Oberflächen, zarte Farne, seltene und empfindliche Orchideenarten sowie ein ernsthaft aquaristischer Wasserteil mit ebenso dichter Pflanzendecke wie oberhalb der Wasseroberfläche. Ach ja, und weitgehend durchautomatisiert soll das Ganze natürlich auch sein. Idealerweise kann man bis zu zwei Wochen vereisen, ohne das jemand mehr tun muss als die Fische zu füttern.

Im Folgenden möchte ich auf die einzelnen ökobiologischen Aspekte dieses Projekts eingehen, davon gewisse Herausforderungen für die Vivaristik ableiten und beschreiben, welche technischen Antworten ich auf diese Herausforderungen gefunden habe.

Die Grundbedingungen für ein Regenwald-Vivarium

Die Magie findet nicht am Boden statt: Wir gehen vertikal!

Alle Leser*innen, die gerne Naturdokus anschauen (und ich vermute, das werden nahezu alle von euch sein, sonst wärt ihr gar nicht hier auf dieser Seite!) kennen die Aufnahmen von Regenwaldforschern, die sich, durch Kletterseile gesichert, ins Kronendach des tropischen Waldes begeben und den Zuschauer*innen erklären, dass dort die Artendichte am größten ist. Und tatsächlich bilden der Erdboden und auch die Bäume nur die Grundlage für das üppige Leben innerhalb des tropischen Regenwalds. Das bedeutet in geschätzten Zahlen und anhand eines Beispiels: Zwar leben auf einem Hektar Primärwald in Costa Rica fast 300 Baumarten, AUF diesen Bäumen jedoch wachsen mehrere tausend verschiede Pflanzenarten. Der überwiegende Teil aller Nicht-Bäume in diesem Ökosystem wächst nämlich als Aufsitzerpflanze auf anderen Pflanzen, also epiphytisch oder zumindest teil-epiphytisch. Und sogar manche Baumart beginnt ihr Leben als epiphytischer Parasit, bevor aus ihr ein ausgewachsener Baum werden kann, z.B. die berüchtigte Würgefeige. Der Grund dafür ist offensichtlich: Die Bodenregion des Dschungels ist eine lichtarme Angelegenheit und große Bäume konkurrieren um jeden Zentimeter Licht und Regen, um ihre Photosynthese zu fahren. Licht und Wasser gibt es nur ganz oben und um dorthin zu gelangen, gibt es zwei grundsätzliche Strategien: Entweder man wird ganz schnell ganz groß, so wie es die Urwaldriesen tun, oder man bleibt klein und flexibel, indem man einfach AUF den Urwaldriesen wuchert.
Für mein Regenwald-Vivarium bedeutet dies: Das Becken ist höher als breit, denn die Struktur des Regenwald-Ökosystems ist vertikal, nicht horizontal.
Blumentöpfe oder auch nur so etwas wie ein einfacher Bodengrund aus Erde oder Kokosfasern gibt es nicht. Alle Pflanzen wachsen epiphytisch auf nicht-losen Materialien und werden nicht irgendwo eingebuddelt. Sie gedeihen frei und luftig auf einer Unterlage, die ihnen ähnliche Bedingungen bietet wie die Rinde eines Regenwaldbaums.

Paludarium Seitenansicht

Paludarium in der Seitenansicht. Aus dieser Perspektive kommt das vertikale Etagenkonzeot besonders deutlich zur Geltung. (Foto: Torsten Schneyer, 2021)

Das Becken: Igitt, Exo terra!

Leider verstößt ausgerechnet die Wahl des Glasbeckens an sich gegen den hier stolz vorangeschickten High-End-Ansatz, denn ich konnte leider nur eines Exo-Terras habhaft werden. Exo Terra ist so ein bisschen der Dacia unter den Terrarien: Leicht zu bekommen, billig, aber die Verarbeitung… ohje.
Nun ist es aber so, dass Leipzig jetzt nicht gerade eine Hochburg der Terrarienbauer*innen ist. Wir wollten auch nicht mitten im Lockdown bei Ausgangssperre und Reisebeschränkung durch die halbe Republik kurven. Hinzu kommt außerdem, dass das Turm-Paludarium von ET auch noch EXAKT in die dafür vorgesehene Ecke gepasst hat. Ich bitte also, diesen kleinen Schnitzer in der ansonsten schicken Anlage zu entschuldigen, muss aber auch anmerken, dass das Becken eigentlich tut, was es soll und ich bisher wenig anzumeckern habe.
Nur die viel zu großflächige Gaze-Abdeckung des Deckels musste ich mit transparenter Folie abdichten und damit die Lüftungsfläche verkleinern, um die Luftfeuchtigkeit zu halten. Eventuell kaufe ich demnächst mal einen Ersatzdeckel nach und ersetze die vordere Gaze durch passend zugeschnittene Plexiglasscheiben.

Basiskonstruktion und Hardscape

Zu den einzelnen Aspekten der verschiedenen Einrichtungskomponenten werde ich noch en detail eingehen, möchte jedoch die Grundkonstruktion kurz umreißen:

Dieses Paludarium hat einen, für die Beckengröße, großen und tiefen Wasserteil, der das komplette Becken flutet. Der (vom Wasserteil unterspülte) Landteil besteht aus einem Hartschaum-Rahmen, welcher vorne mit einer Filtermatte und oben mit Xaximplatten bedeckt ist und die komplette Aquarientechnik aufnimmt.

Die Rückwand des Paludariums besteht aus modernen Orchideenpflanzstoffen (u.A. aus Hygrolon, mehr dazu weiter unten). An der Seiten- und an der Rückwand des Beckens sind selbst gebastelte Hartschaumanker verklebt, die Kabelbindern Halt bieten, welche wiederum der Stabilisierung einer großen roten Moorwurzel dienen. Diese macht den Hauptteil des Hardscapes aus und überträgt ihr Gewicht auf den Hartschaum-Rahmen des Landteils.

Im Wasserteil befinden sich weitere Wurzeln aus dem gleichen Holz und einige rotbraune Sedimentsteine, der Bodengrund des Wasserteils ist schwarzes Aqua-Soil.
Im nassen Zustand haben das Soil, der Filterschaumstoff, das Xaxim und das Hygrolon nahezu die gleiche Farbe und sind im bewachsenen Zustand nicht mehr voneinander zu unterscheiden.

Alle innen liegenden Geräte sind gut zugänglich und austauschbar, die Kabel sind nicht hinter der Rückwand verlegt. Wer nun auf den Fotos die Leitungen sucht: Ich habe sie eiskalt mit Aquariensilikon bestrichen, mit Torf beflockt und dann mit Moos angeimpft. Einige der bewachsenen „Lianen“ auf den Fotos sind tatsächlich die Kabel für die Aqua-Geräte.

Apropos Lianen: Weil dieses Becken sehr miniaturisiert ist, ist für echte Lianen natürlich kein Platz. Einige der bemoosten Ranken, die von den Ästen herunterhängen, sind in Wahrheit pflanzlich gefärbte und mit Torf beflockte Lederbändchen. Not macht erfinderisch.

Rückwand aus Schaumstoff, Hygrolon und Epiweb: Wenn „natürlich“ nicht automatisch „besser“ ist

In einem vertikalen Vivarium wie meinem Paludarium wächst der überwiegende Teil der Pflanzen nicht auf dem Boden, sondern in den höheren Etagen: Auf dem Holz von Ästen und Wurzeln und auf der abwechslungsreich strukturierten Rückwand, die letztendlich auch nichts anderes darstellen soll als eine verholzte Böschung oder das untere Ende eines alten Baumstumpfs.

Das Internet ist voller Anleitungen dafür, wie man Rückwände für Terrarien baut. Die verwendeten Techniken hängen dabei einerseits vom angepeilten Biotop (Wüste, Subtropen oder Tropen), andererseits auch von den technischen Fähigkeiten der Anwender und sogar von regelrechten „Moden“, denen die Vivaristik unterliegt, ab. An dieser Stelle fehlt mir die Zeit und der Platz, all die verbreiteten Methoden durchzugehen, stattdessen will ich gleich auf die von mir favorisierten zu sprechen kommen und warum ich mich für sie entschieden habe.
Von Anfang an wollte ich eine „lebende“ Rückwand haben, die dicht bewachsen ist und für das Leben im Paludarium mindestens genauso wichtig, wenn nicht sogar wichtiger, als das Astwerk ist. Somit scheiden alle Rückwände, die nicht in der Lage sind, durch kapillare Eigenschaften Wasser zu speichern und zu verteilen, vollkommen aus. In freier Natur ist die Rinde der Bäume das Material, auf dem die Aufsitzerpflanzen wachsen und die für das richtige Mikroklima sorgt. Allerdings sind diese Bäume in aller Regel lebendig. Die aus diesem Grund von vielen Vivarianern in ihren Becken verwendete Korkrinde hat jedoch die Eigenschaft, in der Wärme und der Feuchtigkeit eines tropischen Klimas schnell zu verfaulen und in nicht wenigen Becken mit Kork-Rückwand kommt nach einem Jahr die halbe Wand in großen Brocken herunter. Das Gleiche gilt für Rückwände aus Latex-Torf-Gemisch (LTG), welches zwar gute Wasserspeicherungsfähigkeiten hat und den Pflanzen eine gute Wurzelunterlage bietet, aber mit der Zeit zerfällt. Und sogar vom beliebten Xaxim, ein aus Baumfarnen gewonnenes natürliches Material, dass eigentlich ehr gute Pflanz-Eigenschaften hat, lässt sich berichten, dass es gerade an Rückwänden oft nicht besonders widerstandsfähig ist. In meinem Paludarium habe ich Xaxim daher nur für den schmalen Boden des Landteils verwendet.

Auf der Suche nach dem idealen Material für meine Rückwand wurde ich in der Orchideengärtner-Szene fündig. Dort setzt man inzwischen auf künstliche Materialien, die nicht verrotten und gleichzeitig ideale Bedingungen für Epiphyten bieten. Epiweb ist ein dickes Fasermaterial und fühlt sich ein wenig wie Dämmwatte an. Es speichert Feuchtigkeit sehr gut und ist grob genug, dass Pflanzen darin wurzeln können. Gleichzeitig verrottet es nicht und ist extrem widerstandsfähig.

Meine Rückwand habe ich aus einer Grundkonstruktion aus Epiweb und mittelgrobem Filterschaumstoff gebaut. Den Filterschwamm hatte ich sowieso da und verwende ihn in meinem Paludarium überall dort, wo ich eine etwas dickere Unterkonstruktion benötige, insbesondere in den Ecken des Glasbehälters oder für besonders prominente Terrassen der Rückwand. Das Epiweb ist mal direkt auf dem Glas, mal auf dem Schaumstoff angebracht und sitzt vor allem dort, wo ich später feuchtere Stellen in der Rückwand haben will. Die dreidimensionale Konstruktion meiner Rückwand ist entwaffnend simpel: Größere Stücke aus Schaumstoff bilden die Grundlage für kleine Stücke, auf denen wiederum noch kleinere Stücke aufliegen. Das Ganze ist möglichst abwechslungsreich und mit einem gewissen Sinn für die optische Dynamik arrangiert und hängt zudem vom Standort des Paludariums ab: das Becken steht in einer Nische unseres Wintergartens und lässt sich von seiner rechten Seite etwas besser einsehen als von seiner linken. Dadurch hat auch die Rückwand hinten links ihren Schwerpunkt und wird nach rechts hin ein bisschen luftiger in der Anmutung. Dabei schmiegt sich die Rückwand sowohl in die linke als auch die rechte hintere Ecke harmonisch ein.

Beide Medien wurden mit reichlich Aquariensilikon verklebt. Es kann gar nicht stark genug betont werden, wie wichtig es ist, hier nicht am falschen Ende zu sparen und keinesfalls billigen Sanitärsilikon aus dem Baumarkt zu verwenden. Dieser enthält für Pflanzen und Tiere schädliche chemische Komponenten, unter anderem Fungizide. Mag sein, dass wir nicht wollen, dass in unserer Dusche etwas wächst, in unseren Vivarien jedoch sind Umweltgifte unerwünscht! Eine Tube schwarzen Aquariensilikons hat mich um die 11,- gekostet und ich habe für dieses Projekt insgesamt vier oder fünf verbraucht.

Ich kann nicht beurteilen, ob Hygrolon „besser“ funktioniert als eine LTG-Rückwand oder eine aus Xaxim… aber funktionieren tut es. (Foto: Torsten Schneyer, 2021)

Auf dieser weichen, strukturierten Unterkonstruktion liegt nun eine Schicht aus Hygrolon. Hygrolon ist ein weiches Vlies aus Kunststoff, das für sich beansprucht, ähnliche hygroskopische Eigenschaften wie natürliche Baumrinde zu besitzen, ohne dabei zu zerfallen. Der Stoff besteht aus drei nach Sandwich-Manier verarbeiteten Lagen. Ihre unzähligen dünnen Fasern werden zu dickeren verwoben und bilden mit dieser Webart das typische regelmäßige Lochmuster. Durch die Saugeigenschaften hält Hygrolon das Wasser sehr lange: Die Pflanzen meines Terrariums können in seiner offenen Struktur gut wurzeln, bzw. ihre Wurzeln bei Bedarf sogar durch das Hygrolon bis tief in das Epiweb und den Filterschaumstoff hineinstecken.

Hygrolon so auf die Unterkonstruktion aufzubringen, dass es nicht nur stabil hält, sondern auch die dreidimensionale Struktur gut nachzeichnet, war eine sehr langwierige und umständliche Arbeit. Amerikanische Terra-Scaper arbeiten hier mit Bauschaum und sogenanntem Gorilla-Glue, eine Technik, die ich beim nächsten Mal ausprobieren werde. Auch hier habe ich mit Silikon gearbeitet.
Weil Hygrolon seine hygroskopischen Eigenschaften verliert, wenn man es zu sehr mit Aquariensilikon beschmiert, arbeitete ich mit kleinen Tupfern alle drei Zentimeter, was wiederum bedeutete, dass ich aufgrund langer Trocknungszeit in vielen Etappen arbeiten musste. Schließlich wollte ich nicht riskieren, dass alles gleich wieder herunterfällt. Ich war dazu gezwungen, das Hygrolon im stehenden Becken Zentimeter für Zentimeter mit Aquariensilikon einkleben und dabei auf den passenden Zuschnitt zu achten. Wo zwangsläufig Falten entstanden, wurden diese nach dem Abbinden des Silikons weggeschnitten und vernäht. Das Endergebnis war ein hübsches 3D-Relief, wenn dieses auch eher an eine plüschige Polsterlandschaft als an Regenwaldbäume erinnerte. Mein Kalkül war, dass dieses Material mit etwas Glück komplett überwuchert wird. Und wie man sieht, hat dies funktioniert. Ich kann Nachahmern daher ruhigen Gewissens empfehlen, sich mit der Gestaltung der Rückwand nicht zu sehr zu verkünsteln, denn wenn alles gut läuft, verschwindet sie sowieso nahezu komplett. Was zählt, ist die grobe Form und der Gestaltungswille, den man in die grundsätzliche Raumaufteilung investiert.

Im Regenwald regnet es!

Es klingt banal, aber das ist der Grund, warum der Regenwald Regenwald heißt. Die Niederschlagsmenge ist, insbesondere in der Regenzeit, extrem hoch. Die daraus resultierende hohe Luftfeuchtigkeit beeinflusst das Pflanzenwachstum und die komplette Lebensgemeinschaft erheblich. Wollen wir diese Grundbedingung in einem Vivarium anbieten, dann reicht Gießen und etwas Sprühen aus der Flasche nicht. Regen kommt grundsätzlich von oben, also ist Gießen ungenügend, insbesondere auch deshalb, weil meine Pflanzen gar nicht in einem Boden wachsen, den man gießen könnte. Regen dauert außerdem länger als ein paar Sprühstöße aus einer Blumenspritze. Was wir also brauchen, ist eine Regenanlage, die mehrmals am Tag über mehrere Minuten feinen Nebel von oben auf unsere Pflanzendecke sprüht. Typischerweise besteht solch ein System aus einem Wassertank, einem Hochdruckschlauch (vom Tank zur Pumpe), einer Hochdruck-Wasserpumpe, einem Verteilerschlauchsystem von der Pumpe zum Terrariendeckel und den eigentlichen Sprühdüsen. Mehrmals am Tag wird die Wasserpumpe per Zeitschaltung aktiviert, zieht Wasser aus dem Tank und verteilt es an die Sprühdüsen. Von diesen senkt sich ein feiner Tröpfchennebel auf die komplette Inneneinrichtung des Beckens. Solch eine Regenanlage ist den stärker verbreiteten Ultraschallverneblern vorzuziehen, denn diese haben mehrere Nachteile: Sie sitzen im Becken und sie erzeugen Ultraschall, den viele Tiere nicht besonders mögen und das Endergebnis ist ein kriechender, extrem feiner Nebel, der oft nicht alle Pflanzen erreicht, der zu wenig Wasser transportiert und außerdem unnatürlich wirkt. Regen- bzw. Sprühnebelanlagen sind bei den Haltern von Pfeilgiftfröschen längst Standard, setzen sich generell in der Tropenvivaristik immer stärker durch und der Markt kennt einige gute Produkte.

Beregnungsanlage

Sprühnebel im Regenwald-Paludarium (Foto: Torsten Schneyer, 2021)

Ganz vorne dabei ist die deutsche Firma Micro Rain Systems (M.R.S.), die ihre verschiedenen Pumpen, Tank- und Schlauchsysteme und Mikro-Sprühdüsen nicht nur einzeln, sondern auch als Bausatzkomponenten und in den unterschiedlichsten Bundles für jeden Geldbeutel anbietet. M.R.S. genießt zudem den Ruf von guter Qualität und kulantem Service. Bisher habe ich den Kauf nicht bereut. Für dieses Paludarium mit kleiner Grundfläche habe ich mich für ein kleines Bundle aus mittelpreisigen Komponenten entschieden: Ein Set der Blackline-Serie mit zwei Sprühdüsen. Oft werde ich gefragt, warum ich nicht einfach das Wasser aus dem Wasserteil verwende, um es nach oben zu den Sprühdüsen zu leiten und damit die Pflanzen zu beregnen, denn dadurch würde sich ein steter Wasserkreislauf etablieren. Es gibt zwei Gründe, die dagegen sprechen. Der erste ist, dass die Regensprühdüsen sehr filigran aufgebaut sind, um möglichst feinen Sprühnebel zu erzeugen. Das Aquarienwasser kann Schwebepartikel enthalten, die diese Düsen sehr schnell unbrauchbar machen können. Eine entsprechende Filtervorrichtung wäre aufwändig und müsste regelmäßig gewartet werden, weil sie sich schnell zusetzen würde. Es gibt Vivarianer, die bauen sogenannte Drip-Walls, bei denen Wasser durch eine gewöhnliche Niederdruckpumpe hoch an die Rückwand geleitet wird und dann durch einfache Löcher im Schlauch an dieser in kleinen Rinnsalen wieder herunter tropft. Solch ein Verzicht auf Sprühdüsen hat aber den Nachteil, dass Pflanzen, die nicht direkt auf der durchfeuchteten Rückwand wachsen, nicht vom Wasser profitieren. Solche Pflanzen, die Wasser nicht durch ihre Wurzeln, sondern durch die Blätter aufnehmen (wie viele Orchideenarten es z.B. tun), sind außerdem auf atmosphärisches Wasser angewiesen. Eine Drip-Wall wäre ihnen an den Wurzeln zu nass, in der Luft jedoch würde ihnen das Wasser fehlen.
Der wichtigste Grund jedoch, der für einen externen Wassertank und gegen die Wiederverwendung des Boden/Aquarienwassers spricht ist die chemische Wasserqualität. Regenwasser ist hochrein, nahezu ohne Nährstoffe und Mineralien. Viele epiphytisch lebende Pflanzen sind daran angepasst. Insbesondere Orchideen, aber auch Moose und Farne, reagieren empfindlich auf eine zu hohe Konzentration an Nährstoffen wie Phosphat oder Nitrat. Das Wasser meines Aquarienteils wird jedoch nicht nur von den Ausscheidungen der Fische und Schnecken verunreinigt, es wird außerdem durch das Aqua-Soil gedüngt, denn im Gegensatz zu den Orchideen in der oberen Hälfte meines Paludariums wissen die Wasserpflanzen im unteren Teil eine stärkere Düngung durchaus zu schätzen. Nicht zuletzt deswegen sollte der Regen im Becken unbedingt aus Osmose- oder destilliertem Wasser bestehen.

Ohne Moos nix los

OK, für diese Einleitung gehöre ich mit faulen Eiern beworfen. Aber trotzdem ist sie nicht unpassend, denn (inspiriert von großartigen Fotos aus dem Internet) wollen fast alle Regenwald-Nerds in ihren Becken gerne üppige Moospolster auf der Rückwand und dem Hardscape haben. Mir ging es natürlich ähnlich und deshalb habe ich in diese Materie einiges an Hirnschmalz hineingesteckt, der letztendlich zu einigen technischen Entscheidungen mit beigetragen hat. Dabei ist die Sache eigentlich recht simpel, denn tropische Moose mögen folgenden Dinge: Viel Feuchtigkeit, sowohl in Form von Sprühregen als auch durch eine hygroskopische (vulgo: saugfähig dauerfeuchte) Wachstumsunterlage, viel Licht und viel frische Luft. Und, ganz wichtig, die Abwesenheit von Schadstoffen in Form von unzureichend abgebundenem Silikon oder belasteten Leitungswasser. Packt euer Moos in ein nicht zu trockenes, gut belüftetes und helles Becken und besprüht es mit Osmose-, Regen-, oder destilliertem Wasser und es KANN gar nicht anders als wachsen.

Paludarium Moos

Auf diesem kleinen Foto-Ausschnitt sieht man mindestens drei verschiedene Moosarten. Prominent in der Mitte das hoch aufgerichtete „Flammenmoos“, ein Handelsname, da diese Art von der Aquaristik noch nicht bestimmt werden konnte. (Foto: Torsten Schneyer, 2021)

Oft wird empfohlen, Rückwände mit staubigen Mischungen aus Moossporen anzuimpfen, die dann meist nicht wirklich, oder erst nach Monaten gedeihen. Eine andere Empfehlung, die man oft lesen kann besagt, dass man In-Vitro-Moose möglichst klein häckseln und den grünen Matsch dann auf der zu bewachsenden Rückwand verteilen soll. Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass diese Moospartikel erst einmal beleidigt absterben. Dann dauert es auch hier wieder Wochen bis Monate, bevor aus den Resten (oft bloß aus den hinterlassenen Sporen) wieder etwas wird.

Die besten Ergebnisse habe ich damit erzielt, In-Vitro-Polster in wenige, nicht zu kleine Stücke zu zerzupfen und diese dann auf die jeweilige Unterlage zu setzen oder anzupinnen. Auf diese Weise wird das Moos kaum geschädigt, muss sich nicht erst selber „heilen“ oder gleich aus Sporen heraus komplett neu starten, sondern die jeweiligen Polster können gleich nach allen Seiten loslegen.

Hier möchte ich gleich anfügen: Viel hilft viel. Moose und andere Pflanzen verbessern das Mikroklima eines Vivariums entscheidend und je mehr Moos man auf einmal einsetzt, umso besser wachsen die jeweiligen Stücke an. Gerade in den ersten zwei Wochen sind frisch eingesetzte Moospolster noch sehr empfindlich gegenüber dem Austrocknen. Auch direkt auf Hygrolon gesetzte Pölsterchen können verdursten, wenn man sie nicht täglich zusätzlich besprüht oder ihnen ein kleines Startpolster aus Sphagnum unterlegt. Ich selbst war nicht geizig und habe in den ersten drei Wochen Moose im Kaufwert von sicherlich 150,- € in das Becken eingesetzt. Die Bilder, allesamt aufgenommen nach ungefähr zwei Monaten Laufzeit, sprechen für sich. Natürlich hätte ich auch ein Jahr warten können, aber Geduld war noch nie meine Stärke…

Epiphyten: Im Regenwald gibt es keine Blumentöpfe

Von Beginn des Projektes an stand für mich fest, dass ich, von den Wasserpflanzen abgesehen, nahezu alle Pflanzen in diesem Becken rein epiphytisch kultivieren werde. So gut wie alle tropischen Kleinpflanzen, seien es nun Orchideen, Farne, Bromelien, Tillandsien oder Ranken, die in der Regenwald-Vivaristik Verbreitung finden, wachsen in ihrem natürlichen Biotop teil- oder voll-epiphytisch und brauchen somit kein amorphes Wachstumssubstrat. Somit habe ich Blumenerde, Torf, Kokosfasern und sogar Pinienrinde gar nicht erst in meinem Becken zugelassen. Bis auf die Pinienrinde sind diese auch oft mit Schadstoffen oder Schädlingen belastet.

Paludarium Detail

Epiphytisch wachsende Orchideen, Bromelien, Farne und  eine Kannenpflanze. Man beachte die lebendigen Moose, die zwischen den Wurzeln der Aufsitzerpflanzen wachsen und das Mikroklima für diese positiv beeinflussen. (Foto: Torsten Schneyer, 2021)

Alle Pflanzen werden vor dem Einsetzen aus ihren Töpfen genommen, das Substrat wird komplett entfernt und die Wurzeln werden mehrfach ausgewaschen. Erst dann werden sie eingesetzt, und zwar angepinnt oder aufgebunden. Der jeweilige neue Platz wird natürlich von den Ansprüchen der Pflanze bestimmt: Lichthungrige Pflanzen kommen eher nach oben, Halbschattenliebhaber eher nach unten. Farne und Ranken, die gerne etwas länger nasse Wurzeln und Blätter haben, sitzen eher direkt auf der Hygrolon-Rückwand und dort in den dunklen Nischen. Empfindliche Orchideen, die nach dem Nebelbad ein schnelles Ablüften und „trockene Füße“ schätzen, haben frei stehende Plätze und sind auf den Ästen mit ihren Wurzeln aufgebunden. Je nach Feuchtigkeitsbedarf jeder Art bekommen die Wurzeln zusätzlich und in unterschiedlicher Menge etwas Sphagnum-Moos als Unter- oder als Auflage.
To-toi-toi, bisher ist mir keine einzige Pflanze eingegangen und alles wächst gut an!
Manche der Orchideen sind noch etwas zickig und zieren sich. Andere Gewächse wiederum, z.B. Peperomia sind regelrecht invasiv und werden sicher am Ende des Jahres ein wenig getrimmt werden müssen.

Beim Bepflanzen der Wurlen und der Hygrolon-Wand gilt übrigens der gleiche Grundsatz wie beim bemoosen: Viel hilft viel! Es macht wenig Sinn, geizig zu sein udn sich bloß eine handvoll Pflanzen zu kaufen und zu hoffen, dass diese dann in Rekordzeit die Wand besiedeln. Bestenfalls hat man dann bald eine Monokultur, im schlechten Fall setzt das Becken (bzw. der Besitzer beim Warten) Spinnweben an. Pflanzen lieben andere Pflanzen, auch wenn sie miteinander in Konkurrenz stehen. Doch das günstige Mikroklima, dass durch den Bewuch entsteht, wirkt sich positiv auf die Nachbarschaft aus! Ich habe dieses Becken innerhalb von anderthalb Monaten sehr großzügig bepflanzt und würde mich bei einem weiteren projekt sogar nicht weiter scheuen, diese Menge innerhalb einer einzigen Woche einzusetzen. Der Nachteil an diesem Konzept: In etwa einem Jahr wird das Becken gnadenlos zugewuchert sein und ich werde dann viel Gätrnern und Ableger verschenken müssen. Aber es gibt sicher größere Probleme als ein gut laufendes Becken.

Drainage: Ein Regenwald-Terrarium verträgt keine Staunässe!

Oha, ein Widerspruch? Nur auf den ersten Blick. Ohne jetzt auf die vielen verschiedenen Regenwald-Unterkategorien, die Tropenökolog*innen kennen, im Detail eingehen zu wollen, sei soviel gesagt: Die meisten tropische Regenwälder sind keineswegs die schwammigen Sumpflandschaften, die man sich darunter vorstellt. Ein nicht geringer Teil des Regens kommt aufgrund der dicht stehenden, hohen Bäume gar nicht erst am Boden an und falls doch: Oft steht der Wald in einer Hanglage und das Wasser fließt genauso schnell wieder ab, wie es eben noch vom Himmel herunterkam. Viele Pflanzen sind an diesen fliegenden Wechsel zwischen Feuchtigkeit und Abtrocknung angepasst und benötigen ihn geradezu.

Es ist also für unser Regenwald-Vivarium wichtig, dass überschüssige Nässe schnell über eine leistungsfähige Drainage abgeführt wird. Da der überwiegende Überwasserteil meines Paludariums sowieso nur aus Rückwand und frei tragenden Wurzelästen besteht, welche ihre Nässe an die Pflanzen sowie nach unten abgeben, ist das Grundkonzept dieses Beckens schon mal sehr drainagefreundlich. Doch auch beim vorhandenen Landteil habe ich einiges anders gemacht als viele vergleichbare Projekte.
Obwohl schon oft darüber berichtet wurde, wie groß die Gefahr einer Versumpfung für ein Regenwaldbecken ist, sehe ich immer noch zahlreiche Paludarien, bei denen Land- und Wasserteil durch eine Trennscheibe aus glas voneinander getrennt werden. In der naiven Vorstellung vieler Leute ist dann in der einen Hälfte Wasser und in der anderen Erde. Nun ist hier jedoch in echten Regenwald-Vivarien eine Regenanlage installiert, Wasser sickert somit unweigerlich auch in den Bodenteil ein. Außerdem können viele Bastler nicht der Versuchung widerstehen, irgendwelche Wasserfälle zu installieren, und diese werden früher oder später IMMER undicht, egal wieviel Epoxyd man verbaut. Dendrobatenhalter sind auch hier um Jahre voraus und setzen den Landteil grundsätzlich höher als den Wasserteil an, oft durch eine angeschrägte Bodenscheibe, über die überschüssiges Drainagewasser direkt in den sogenannten „Graben“, den Wasserteil des Froschterrariums, rinnt.
Ich bin mit meinem Paludarium nicht weiter gegangen und habe aus der Not eine Tugend gemacht: Wenn Paludarien sowieso ständig von der Versumpfung bedroht sein, dann gehe ich gleich in die Vollen und flute die komplette Grundfläche des Beckens über die volle Höhe des sichtbaren Wasserteils. Im kompletten Becken herrscht ein Wasserstand von 25 cm – und dies bis zur Rückscheibe! Das hat zum einen den kaum schlagbaren Vorteil, dass dadurch deutlich mehr Wasservolumen für den aquaristischen Teil des Projektes und eine resultierend bessere und stabile Wasserqualität (mehr dazu weiter unten) besteht. Zum anderen bedeutet es, dass ich mir über eine Versumpfung des Landteils keine Gedanken mehr machen muss, weil diese einfach über Wasserfläche, und nicht dahinter installiert ist. Genau genommen handelt es sich nicht wirklich um einen Landteil im eigentlichen Sinne, sondern um eine Art Balkon: Auf einer leichten, durchlässigen aber stabilen Konstruktion aus zugeschnittenen Hartschaumstreben (das Material ist auch unter dem deutschen Markennamen „Styrodur“ bekannt) liegt ein Fliegengitter aus Edelstahl. Darauf ist eine Lage Pflanzenvlies aus dem Gartenteichbedarf aufgeklebt. Es lässt zwar Wasser durch, verhindert aber, dass vorwitzige Pflanzen ihre Wurzeln durch das Bodengitter nach unten in das Wasser stecken können. Auf dem Pflanzenvlies sind dicke Platten aus Xaxim verklebt. Dieses natürliche Material aus Baumfarnen fungiert als Bodengrund und bietet ein ideales Wurzelmaterial für die Farne, Moose, Ranken und Begonien, die den schmalen Uferbereich des Paludariums bewohnen. Xaxim hält einerseits gut das Wasser und bleibt lange feucht, andererseits hat es eine lockere, durchlässige Struktur.
Die komplette Konstruktion des Paludariums ist also darauf ausgelegt, dass alles „Regen”wasser, das nicht von den Pflanzen aufgenommen wird, durch die Rückwand und den Bodenteil nach unten in den gefluteten Boden des Beckens sickert. Dies erzeugt einen Gradient der Feuchtigkeit, welcher von oben nach unten zunimmt. Der obere Bereich des Paludariums ist der trockenste und der Uferbereich ist deutlich feuchter, jedoch niemals durch Staunässe belastet. Alles, was über Wasser wuchert und wächst, hat einerseits stehts üppig Wasser, andererseits stets frische Luft, auch um die Wurzeln herum.

Paludarium Ufer

Nass und dennoch trocken: Uferlandschaft! Die Xaximplatten,w elche den Bodengrund ausmachen, sind völlig mit Moosen, Farnen zugewachsen. Micranthemum tweedii, eigentlich eher als Wasserpflanze bekannt, wächst bei mir sowohl submers als auch emers. Sie bidlet direkt am Uferrand üppge Büschel, die bis hinunter ins Wasser ragen. Die Wasseroberfläche erstreckt sich, von der Aquarienrückwand nur optisch abgeteilt, unterhalb des Landteils weiter. Alles Regenwasser sickert durch den Landaufbau und landet letztendlich dort. (Foto: Torsten Schneyer, 2021)

Epiphyten brauchen frische Luft!

Apropos Luft: Aufsitzerpflanzen sind Geschöpfe der Luft, des Lichts und des Wassers, wobei die Luft leider oft übersehen wird! Sie ernähren sich vom Wasser der täglichen Regengüsse, dürfen keine dauerhaft nassen Füße bekommen. Tagsüber benötigen sie während der photosynthetischen Phase, Kohlendioxyd und Wasser zur Kohlenstoffassimilation. Nachts hingegen braucht es zur Zellatmung Sauerstoff und möglichst wenig Wasser.
Für ein tropisches Vivarium bedeutet das: Lüften! Die Luft im Becken sollte niemals schal und aufgebraucht werden, denn das mögen viele Pflanzen überhaupt nicht. Im Regenwald ist das kein Problem. Dort ist frische Luft in den Kronen der Bäume stets verfügbar. In meinem Becken jedoch muss die alte Luft immer mehrmals am Tag (und auch in der Nacht) zuverlässig ausgetauscht werden. Lüftungsgitter alleine reichen hier nicht. Zwar hat das von mir angeschaffte Exo Terra riesige Lüftungsgitter im Deckel, doch sind diese zu viel des Guten. Durch sie verschwindet die ganze wertvolle Luftfeuchtigkeit und ich musste, alleine schon wegen der Regenanlage, den Deckel umbauen und besser abdichten. Außerdem bedeuten Lüftungsgitter noch lange nicht, dass sich die Luft in einem Terrarium nennenswert bewegt!

Nephentes

Pflanzen wie diese Nephentes gedeihen mit viel Liebe und Zuwendung zur Not auch im Blumentopf auf der Fensterbank. Frei auf einem Ast in feuchtwarmen Klima und direktem Licht sitzend, kann man ihr jedoch beim wachsen zuschauen. (Foto: Torsten Schneyer, 2021)

Aus diesem Grund werden Becken wie dieses aktiv belüftet. Auf dem hinteren Lüftungsgitter liegen zwei PC-Gehäuselüfter auf, die mehrmals am Tag und in der Nacht für bis zu 30 Minuten lang per Zeitschaltung aktiviert werden. Sie sind nach außen gerichtet und ziehen die Luft nach oben aus dem Becken. Das hat zur Folge, dass ein Kamineffekt entsteht, denn die Luft, die oben hinausgesaugt wird, muss unten durch den Frontschlitz nachströmen. Zuerst hatte ich Sorge, dass die minimale Fläche der unteren Lüftung zu schmal für einen Kamineffekt sein könnte, aber ich habe mich geirrt: Die Deckenlüfter tun ihre Arbeit und irgendwo muss die fehlende Luft ja herkommen. Das gute Wachstum auch empfindlicher Pflanzen zeigt, dass der Luftaustausch ausreichend ist.

Fiat Lux

Ich habe schon länger den Verdacht, dass viele Vivarianer ihre Becken zu schwach beleuchten. Es ist zwar richtig, dass die meisten Regenwaldpflanzen an ein Wachstum im Halbschatten größerer Bäume angepasst sind, aber was das genau bedeutet, sagt uns ein Lichtmessgerät, dass uns die Intensität des Lichts in Lux (Lumen pro Quadratmeter) angibt. Tageslichtlampen kommen auf ungefähr 700 Lux bei einem Abstand von 30 cm zur Lampe. T5-Röhren und kleine LEDs schaffen ein bisschen mehr, um die 2000-3000 Lux, gemessen bei 30 cm Abstand zur Leuchtquelle. Messen wir die Lux draußen an der frischen Luft, dann stellen wir jedoch fest:

400 Lux bei Sonnenaufgang
1000 Lux an einem stark bewölkten Tag
10000–25000 Lux – Volles Tageslicht im Schatten(!)
32000–100000 Lux – Direktes Sonnenlicht.

Für ein Vivarium bedeutet das, dass wir eine Beleuchtung, die wir mit unseren wohnzimmergeschädigten Maulwurfsaugen als geradezu grell empfinden, in den Maßstäben unserer Pflanzen gar nicht wirklich hell ist, sondern durchaus eher einem Schattenplatz an einem nicht ganz so sonnigen Tag entspricht.

Deshalb stand für mich von Anfang an fest, dass ich beim Licht nicht sparen werde. Es gibt inzwischen LED-Lampen für Regenwaldterrarien, z.B. von der Firma Arcadia. Wann immer ich mir jedoch so ein Ding live anschauen konnte, beschlich mich der Eindruck, dass das eigentlich ziemliche Funzeln sind. Deshalb habe ich dieses Marktsegment schnell verworfen und habe gleich in die Aquascaping-Aquaristik geschaut. Dort hat man viel Erfahrung mit sehr hellen Lampen und was für Wasserpflanzen taugt, wird auch für Landpflanzen kein Verderben sein. Ich bin dann letztlich bei einer guten, starken LED-Lampe des mittleren Preissegments hängengeblieben, die ausreichend Power mitbringt, ein 90 cm hohes Becken bis auf den Bodengrund des Wasserteils herunter zu durchleuchten, gleichzeitig aber dimmbar ist, falls das Licht am Ende doch eine Spur zu dick ausfallen sollte.

Paludarium Beleuchtung

Keine halben Sachen bei der Lampe: Eine Aquariumleuchte von Chihiros (Foto: Torsten Schneyer, 2021)

Die Chihiros RGB 2, gesteuert über Android-App, ist eine 3-Farben-LED, die es mir erlaubt, jede beliebige Lichtfarbe zusammenzumischen und diese Mischverhältnisse über den Tag hin zu programmieren. Mit ihr habe ich Sonnenauf- und Untergänge, Mondlicht und eine kleine Wolkensimulation während der Sprühnebelgüsse realisiert. Morgens beginnt die Lampe mit einem frühmorgendlichen blau, wechselt zu einem rostroten Sonnenaufgang, geht durch einen goldenen Vormittag, grillt die Pflanzen für eine Weile in grellem Mittagslicht, um dann den Nachmittag mit einem eher kühlen Spektrum ausklingen zu lassen, während der Abend zuerst in Rot und dann in die „blaue Stunde“ getaucht ist. Klar, ein bisschen unnötige Spielerei ist auch dabei, aber das ist immerhin ein Bastelhobby, dass Spaß bereiten soll. Den Pflanzen scheint es zu gefallen und wer schon mal gesehen hat, wie sich Fische erschrecken können, wenn morgens plötzlich das grelle Licht angeht, freut sich über die weichen Übergänge. Darüber hinaus ist die Lampe leicht, schmal und produziert gerade soviel Wärme, dass das Becken noch davon profitiert.

Paludarium Dämmerlicht

Braucht man einen künstlichen Sonnenuntergang in einem Vivarium? Nein, aber es ist so schöööööön! (Foto: Torsten Schneyer, 2021)

Auch im Wasser tobt das Leben: Ernsthafte Aquaristik im Paludarium

Dort, wo im Regenwald kleine Bachläufe das Dickicht durchschneiden, dringt das Licht bis zum Waldboden vor. Das Wasser der kleinen Bäche ist frisch, sauerstoffreich und wimmelt von Fisch- und Insektenlarven. Große Spinnen lauern am Ufer auf Beute, Bodenbewohner kommen zur Tränke und der Uferbereich ist dick mit Kräutern und Moosen bewachsen. Auf mein Vivarium übertragen heißt das: Der Wasserteil ist kein Beiwerk, sondern lebendiger, gut geplanter Teil des kompletten Mini-Ökosystems. Leider liegt hier einer der Hauptkritikpunkte, die ich an vielen Paludarien auszusetzen habe: So schön manche Regenwaldterrarien mit Bromelien bewachsen sind, so lieb- oder gar kenntnislos ist oft der Wasserbereich gestaltet. Das geht schon bei der Wassertiefe und auch dem Wasservolumen los, denn in vielen Fällen ist diese einfach nicht ausreichend, um mehr zu sein als eine Pfütze. Solche Becken sind bestenfalls Aquaterrarien und haben den Titel Paludarium meiner Meinung nach nicht verdient.  Sinnvolle Aquaristik (und damit meine ich jetzt keine hoch spezialisierten Nanos) gehen für mich bei mindestens 50 Litern Wasservolumen los, alles was darunter liegt, ist von den Wasserwerten einfach zu instabil und sollte Fischen nicht angetan werden… vom geringen Schwimmraum einmal abgesehen.

Der Unterwasserteil des Paliudariums präsentiert sich als lauschige Märchenwiese (Foto: Torsten Schneyer, 2021)

Licht, Co2, Soil und Drystart: Methoden des Aquascapings

Habe ich schon erwähnt, dass ich die meisten Paludarien langweilig finde, sobald es unter die Wasseroberfläche geht? Für dieses Lockdown-Projekt wollte ich auch die Aquaristik ein bisschen ausreizen und schauen, ob es mir auch hier gelingt, trotz des vergleichsweise geringen Wasservolumens einen märchenhaften Pflanzenteppich zu zaubern. Hierbei habe ich mich von einem Konzept inspirieren lassen, der die Aquaristikszene bereits seit längerer Zeit heimsucht:
Aquascaping ist eine vom Japaner Takeshi Amano geprägter Trend und eine Fortführung der Naturaquaristik. Das Besondere daran ist, dass man Amano, die Philosophie des Miniaturisierung aus der japanischen Gärtnerei auf die Aquaristik überträgt. Das Ergebnis dieser Herangehensweise sind Miniatur-Landschaften von inszenierter Wildheit.

Man erreicht dies durch regelrechte Pflanzenteppiche klein bleibender Arten, die sich um wenige markante Steine oder Wurzeln (das sogenannte Hardscape) drapieren. Viel Licht und eine optimale Nährstoffversorgung sorgen dafür, dass sich der gewünschte Pflanzenteppich bildet

Die erste Hürde war dabei tatsächlich die Planung des Lichts. Bei einer Gesamthöhe von 90 cm und einem Wasserstand von 25 cm haben wir hier eine Distanz von 70 cm zwischen der Lampe und der Wasseroberfläche! Das war ein weiterer Grund für die Installation einer leistungsstarken Aquaristik-LED. Ein zusätzlicher taktischer Move von mir war, den Wasserteil nicht zu sehr durch Äste abzuschattieren. Von einigen Mini-Orchideen und der prominenten Kannenpflanze in der Mitte abgesehen wächst die Mehrzahl der Pflanzen hinten auf der Rückwand, auf dem Xaxim oder der großen Wurzel, aber nicht über dem Wasser. Zusätzlich liegt die Lampe im vorderen Drittel des Beckens auf, also direkt über dem Wasserteil. Dadurch wird der Wasserteil ausreichend beleuchtet und für die Landpflanzen bleibt immer noch mehr als genug Licht übrig.

Der Bodengrund meines Aquariums besteht nicht aus Sand oder Kies. Im Aquascaping verwendet man inzwischen „Soil” (also Erde), in Form gebrannter Kügelchen. Das hat mehrere Vorteile: Das Soil ist sehr offenporig und bietet nützlichen Bakterien mehr Siedlungsfläche. Es lässt eine gewisse Bodendurchspülung zu und es gibt außerdem mineralische Nährstoffe an die Pflanzen ab. Zusätzlich senkt es den PH-Wert und macht das Wasser weich, wie es sich für das sogenannte „Schwarzwasser“ der Regenwaldflüsse gehört. Als Analogie zur Natur kann man sich eine etwas ruhigere Stelle des Regenwald-Bachlaufs vorstellen, an der sich auf dem Kies Erdsedimente und vermoderte Blätter abgelagert haben und einen fruchtbaren Untergrund für Pflanzen bilden.

Apropos Pflanzen: Die Aquascaping-Szene hat die Kultivierung von Wasserpflanzen perfektioniert und von ihr konnte ich mir einige wertvolle Tipps für eine schöne Pflanzendecke abschauen. Der wichtigste darunter war der sogenannte Dry-Start, also Trockenstart. Gerade die bei Aquascapern so beliebten winzigen Moose und Bodendeckerpflanzen, die den typisch märchenhaften Look eines schönen Aquascapes erzeugen, sind schwer zu setzen, wenn Wasser ins Spiel kommt. Wenn man diese winzigen Gewächse einpflanzt und dann Wasser ins Becken füllt, treiben sie einfach davon. Sie unter Wasser einzusetzen, ist eine schier unmögliche Arbeit. Manche Leute setzen die Pflanzen einfach als ganzen Block ein und hoffen, dass sich dieser dann nach und nach über das ganze Becken ausbreitet, aber das kann tatsächlich Jahre dauern, denn eine so dichte Pflanzengruppe hat logischerweise nur am äußersten Rand Platz für Nachkommen. Der Dry-Start löst beider Probleme in einem Rutsch. Hierfür machen wir uns den Umstand zunutze, dass sehr viele der im Handel befindlichen Aquarienpflanzen  nicht nur submers (untergetaucht) sondern auch emers (über Wasser) gedeihen können. Tatsächlich ist es sogar so, dass viele Wasserpflanzen emers gezüchtet- und oft im Aquarium das erste Mal untergetaucht werden! Ich empfehle außerdem, Wasserpflanzen und Moose grundsätzlich aus In-Vitro-Kultur zu kaufen. Diese unter Laborbedingungen gezogenen Pflanzen sind frei von Parasiten und unerwünschten Begleitern wie z.B. Planarien und Schnecken und haben außerdem eine ziemlich neutrale, sozusagen „genormte“ Wuchsform. Als niedrigen Bodendecker im Vordergrund wählte ich das Perlkraut Micranthemum tweedii, welches einen ganz flachen Teppich bildet. Weiter hinten pflanzte ich den Kleefarn Marsilia hirsuta, der mit einer Wuchshöhe von maximal 12 cm und seiner hübschen Form einen spannenden Kontrast bildet und dafür sorgt, dass die Pflanzendecke nach hinten perspektivisch ansteigt.

Für einen gleichmäßigen Pflanzenteppich zerteilt man die Mutterpflanze des Bodendeckers in möglichst kleine Einheiten und setzt sie in gleichmäßigen Abständen in das nasse, aber nicht geflutete Soil. Wenn alle Minipflanzen gesetzt sind, sprüht man den Boden des Aquariums noch einmal gut aus und deckt ihn mit einer Frischhaltefolie ab. So hat jedes einzelne Pflänzchen genug Platz, Luft und Licht, um sich ohne behindernde Konkurrenz nach allen Seiten hin auszubreiten. Die Schwerkraft ist unser Helfer und sorgt dafür, dass die Pflanzen stabil im Soil stehen und in aller Ruhe Wurzeln bilden und sich ausbreiten können. Ein Dry-Start dauert acht bis zehn Wochen und in dieser Zeit habe ich an der Frontscheibe sehen können, wie sich innerhalb des Soils eine Wurzeldecke bildete und sich die Pflanzen oberhalb ausbreiteten. Als ich dann nach ungefähr neun Wochen das Wasser einfüllte, war der grüne Teppich bereits ziemlich dicht und nicht eine einzige Pflanze trieb davon. Übrigens wurden auch die Moose, die die Ufer-Rückwand des Wasserteils zuwuchern, im Dry-Start an die Rückwand gesetzt und bis zur Flutung des Beckens jeden Tag nass eingesprüht. Man kann sie direkt zum Anwachsen auf die Rückwand setzen und muss sie nicht anbinden, wie das in einem gefluteten Becken der Fall wäre.

Dry-Start

So sah der Wasserteil während des Dry-Starts aus: Ohne Wasser, aber berets mit bodendeckenden Pflanzen, die sich erst einmal in Ruhe ausbreiten und wurzeln dürfen, bevor die Belastung der Umstellung von emers auf submers auf sie zukommt. (Foto: Torsten Schneyer, 2021)

Den Hintergrund des Aquariums habe ich mit dem Javafarn Microsum pteropus und der Aufsitzerpflanze Anubias bateri (in einer Mini-Form) bepflanzt, wobei ich lernen musste, das Anubias nicht für einen Dry-Start geeignet ist. Die Art ist mir zwar nicht eingegangen, wurde jedoch trotz mehrmals täglichem Besprühens an den Blatträndern braun und sie brauchte später einige Wochen, um sich halbwegs zu erholen. Den Javafarn setzte ich wohlweißlich erst in das geflutete Becken.

Miniatur-Kärpflich der Gattung Boraras. (Foto: Torsten Schneyer, 2021)

Mit den ausgewählten Wasserpflanzen habe ich mich für Arten entschieden, die im Allgemeinen als sehr pflegeleicht und anspruchslos gelten. Aus diesem Grund ist es wahrscheinlich auch etwas übertrieben, dass ich mir extra für dieses Becken eine Co2-Anlage zur Düngung der Wasserpflanzen zugelegt habe… noch dazu eine gute mit dem teuren Druckminderer von Hiwi, der es mir erlaubt, Sodastream-Flaschen zu verwenden. Zwar zeigt mir der installierte Co2-Dauertest einen beständigen Mangel dieses Gases an, doch schafft es diese Anlage auch in der allerfeinsten Einstellung, den Wert innerhalb von nur drei Stunden komplett durch die Decke zu treiben, und zwar in einem Maße, das für Fische gefährlich werden kann und außerdem den PH-Wert zu sehr nach unten drückt. Ich kann die Anlage also nur kurze Zeit am Tag betreiben und habe dadurch tagsüber einen ziemlich wechselhaften Kohlendioxyd-Anteil im Becken, was sich nicht mit meinem persönlichen Grundsatz verträgt, in der Vivaristik für möglichst stabile Bedingungen zu sorgen. Es könnte sein, dass durch die große Entfernung zur Lampe vorgegebene Lichtmenge nicht groß genug ist, um die Pflanzen zu einem übermäßig schnellen Wachstum anzuregen und vielleicht wird das extra hinzugegebene Co2 gar nicht wirklich benötigt. In diesem Fall war die Anlage ein Fehlkauf und ich werde sie weiter veräußern. Momentan probiere ich noch ein bisschen herum und das letzte Wort ist nicht gesprochen.

Hamburger Mattenfilter: Die filternde Rückwand!

Das Wasser besitzt eine hohe Qualität und ist eine Heimat für kleine Fische und Wirbellose. Mit den 67,5 Litern Wasser bin ich dabei noch im Bereich der Kleinaquarien unterwegs, denn die Grundfläche von 60 x 45 cm ist alles andere als gewaltig. Das eigentliche Aquarium ist sogar noch kleiner, denn auch wenn die komplette Grundfläche des Beckens unter Wasser steht, gibt es trotzdem eine Uferlinie, die den Übergang vom Wasser zum Land markiert. Hinter diesem „Ufer“ befindet sich die Aquarientechnik namentlich die Wasserpumpe, der Heizstab und der Co2-Diffusor. Aber wo ist der Filter?
Hier kommen wir zu einem kleinen Novum, denn in diesem Paludarium ist ein sogenannter Hamburger Mattenfilter verbaut. Der HMF funktioniert, wie nahezu alle aquaristischen Filter, biologisch: Nützliche Bakterien bauen in zwei Schritten biologische Abfallstoffe (in unseren Aquarien sind das in erster Linie Futterreste und Tierausscheidungen) zu Stoffen ab, die von den Wasserpflanzen als Dünger verwendet werden können. Im ersten Schritt nehmen Nitritbakterien (Nitrosofizierer, z. B. der Gattungen Nitrosomonas) aus der Umgebung Ammoniak auf und oxidieren es zu Nitrit-Ionen. Im zweiten Schritt nehmen Nitratbakterien (Nitrifizierer, z. B. der Gattungen Nitrobacter) die Nitrit-Ionen auf und oxidieren diese zu Nitrat-Ionen. Nach Ausscheidung der Nitrat-Ionen stehen diese den Pflanzen als stickstoffhaltiger Mineralnährstoff zur Verfügung.
Diese Bakterien brauchen eine wasserdurchlässige Siedlungsfläche und etwas Strömung, welche die Nahrung zu ihnen transportiert, was der Grund ist, warum so gut wie alle Aquarienfilter eine Wasserpumpe haben, die Wasser durch ein schwammiges Medium drückt. Eigentlich ist die Bezeichnung „Filter“ irreführend, die richtige Bezeichnung wäre „Bioreaktor“. So gesehen sind fast alle Aquarienfilter Mattenfilter, was jedoch die „Hamburger Bauweise“ ausmacht ist, dass die Filtermatte einfach frei im Aquarium verbaut ist und eine einfache Pumpe das Wasser durch diese Matte zieht.

Aquarium-Rückwand

 

Die Rückwand des Wasserteils von der Seite betrachtet. Man kann erkennen, dass auch sie eine Siedlungsfläche für Moose darstellt. Die Aquarientechnik ist rechts hinter der Filtermatte versteckt. (Foto: Torsten Schneyer, 2021)

Im Fall meines Paludariums ist die Rückwand des Wasserteils diese Matte. Über die komplette, leicht geschwungene Uferlinie des Landteils habe ich eine Matte aus grobem Filterschaumstoff eingesetzt, die von den Xaximplatten des Ufers leicht überragt wird. Diese Matte habe ich mit einer Schere und den Fingern auf einer Seite zerrupft, mit einem natürlich wirkenden Relief versehen und sie dann in einem steil ansteigenden Winkel verbaut. Unten ist sie eingeklebt, oben mit Bambusstiften an den Styrodurstäben fixiert, so dass man sie zur Wartung umklappen kann. Gewartet werden muss hier aber kaum etwas, denn HMFs sind fast vollständig wartungsfrei. Solange die Pumpe läuft und sich der Schaumstoff nicht völlig zusetzt, ist die bioreaktive Funktion gewährleistet.

Doch dies hat mir nicht gereicht. Zusätzlich habe ich diese Rückwand während des Dry-Starts mit Moosen und einigen Anubias bepflanzt, so dass mein Filter nicht nur fleißig filtert, sondern auch noch lebendig ist und Fischen, Garnelen und Kleinstlebewesen eine Rückzugsmöglichkeit bietet. Der Übergang von Wasser zu Land ist natürlich gestaltet und bietet Pflanzen eine Nische, die Nässe besonders schätzen. Es gibt viele Wurzeln, die vom Landteil ins Wasser hineinragen, wie es an jedem kleinen Bachlauf normal ist. Einige meiner Wasserpflanzen gedeihen auch an der frischen Luft und stecken ihre Blätter über die Wasseroberfläche hinaus, manches Moos kriecht langsam vom Landteil die Wurzeln herunter und wechselt, an der Wasseroberfläche angekommen, von der emersen in die submerse Form.
Das Ergebnis nach wenigen Monaten Einfahrphase ist eine über, wie unter Wasser dicht bewachsene Uferböschung, deren aquatischer Teil völlig natürlich mit der Rückwand des epiphytischen Teils korrespondiert.

Kosten

„Und was kostet dieser Spaß?“ Ich will nicht lügen: Einiges. Aufgrund des Lockdowns habe ich ein Jahr viel weniger Geld ausgegeben als sonst und habe mir dieses Hobby-Projekt deshalb gegen die Vernunft geleistet, alleine schon aus Gründen der Seelenhygiene. Insgesamt hat das ganze Projekt, so wie es dasteht, mindestens 1400,- € gekostet, eher mehr. Das Glasterrarium von Exo Terra ist für die gelieferte Qualität überteuert und ein saurer Apfel, in den ich beißen musste. Teuer war außerdem die LED-Lampe von Chihiros, die Regenanlage von M.R.S (beide ihr Geld wert) und die Co2-Anlage für den Wasserteil. Das mittlrere Preissegment teilen sich die ganzen Baumedien (Styrodur, Hygrolon, Epiweb, Filterschaumstiff, Edelstahlgaze, Pflanzenvlies, viele Kartuschen Aquariensilikon, eine Umwälzpumpe, ein Heizstab, Schläuche udn ganz, ganz viel kleiner Schnickschnack, den man dann eben irgendwie doch noch braucht.
Sehr viel Geld habe ich außerdem für Pflanzen ausgegeben, denn wenn man solch einen Aufwand betreibt, soll es ja auch wirklich rocken.
Hat es sich gelohnt? Schaut euch die Bilder an und entscheidet selbst. Mir jedenfalls spendet das Teil und die vielen kleinen Basteleien daran eine Menge Freude und Entspannung.

Ganz zum Schluss noch eine Bewegtbild-Impression. Zum Zeitpunkt der Artikelveröffentlichung ist das Video schon nicht mehr ganz aktuell, inzwischen ist das Becken noch um einiges üppiger.

YouTube video

 


Die Ultra-Kurzfassung für Profis

Erfahrenen Vivarianern könnte dieser Blogartikel zu weitschweifig sein. Für euch daher eine Zusammenfassung zum Abnicken. Dieser Artikel beschreibt die Entstehung eines Regenwald-Paludariums mit den folgenden Eckdaten:

Becken:

Exo-Terra, 60 x 45 x 90

Licht:

Chihiros RGB 2, gesteuert über Android-App mit Sonnenauf- und untergängen, Mondlicht und Wolken-Simulation.

Regen:

Beregnungssystem „Black Line“ von M.R.S. mit zwei Mikro-Sprühdüsen.

Rückwand:

Basiskonstruktion aus mittelgrobem Filterschaumstoff und Epiweb, darüber Hygrolon.

Landteil:

Landteil über dem Wasser auf einem Styrodur-Gerüst aufliegend, komplett unterflutet und nach unten ins Wasser drainierend. Bodengrund aus Xaxim 5 cm, Südamerika.

Wasserteil:

67,5 L Wasservolumen, Wasserstand 25 cm bei komplett gefluteter Beckengrundfläche. Filterung über die komplette, dicht bepflanzte Wasserteilrückwand aus Filterschaumstoff (Hamburger Mattenfilter), Co2-Gabe über Flasche, Aqua-Technik versteckt unter dem Landteil.

Lüftung:

2 x PC-Gehäuselüfter, absaugend nach dem Kamineffektprinzip auf dem hinteren Deckelgitter aufliegend. Aktiv 4 x 30 Min. innerhalb 24 Stunden.

Moose:

Versicularia ferriel (Trauermoos) Vesicularia montagnei (Weihnachsmoos), Leptodyctum riparium (Kneiff-Federmoos), Taxyphyllum sp. (Flammenmoos) Riccia fluidans (Teichlebermoos)

Ranken:

Peperomia prostrata, Peperomia rotundifolia ‚Pepperspot‘, Marcgravia sintenisii, unbestimmte Ranke aus Costa Rica

Farne:

Selaginella kraussiana, Selaginella spec. Panama, Selaginella uncinate, Pyrrosia piloselloides, Pyrrosia serpens, Doryopteris cordata

Orchideen:

Restrepia tsubota, Scaphosepalum verrucosum, Diplocaulobium chrysotropis, Epidendrum porpax Barbosella cogniauxiana Restrepia striata, Bulbophyllum ambrosia, Maxillaria acutifolia, Phymatidium falcifolium

Sonstige Landpflanzen:

Nepenthes ventrata, Begonia schulzei, diverse unbestimmte Bromelien

Pflanzenbesatz  im Wasserteil:

Micranthemum tweediei (Perlkraut), Marsilea hirsuta (Kleerfarn), Microsum pteropus (Jawafarn), Anubias barteri (Speerblatt)

Tierbesatz:

Neritina natalensis (Zebrarennschnecken), Faunus ater (Teufelshornschnecken), Boraras brigittae (Mosquito-Kärpfling). Geplant: Glasfrösche der Gattung Hyalinobatrachium.


Weiterführende Links

Für dieses Projekt waren drei Quellen ausschlaggebend, die ich zur Zeit der Veröffentlichung dieses Artikels als die Avantgarde auf ihrem jeweiligen Feld erachte:

https://www.froschmichl.de/
Froschmichl.de, die Website von Michael Kulig, ist trotz des 2000er-Jahre-Webdesigns DIE deutschsprachige Seite für das Anlegen und den Betrieb von Regenwald-Vivarien sowie für die Pflege tropischer Frösche und anspruchsvoller tropischer Kleinpflanzen. Man kommt an dieser Seite einfach nicht vorbei!

https://www.youtube.com/channel/UCLelHBXlvPk_4G6465m1_Kg
AquaOwner ist ein deutschprachiger und sehr professioneller Youtube-Kanal zum Thema Aquascaping. Nicht frei von JBL-Schleichwerbung, aber dennoch sehr kompetent und vor allem schön erklärend.

https://www.youtube.com/channel/UCjA3EmiF1HWHJeFQCBGsa9A

Troy Goldberg ist sozusagen der Froschmichl Amerikas und in Sachen Terra-Hardscaping und Regenwald-Becken GANZ weit vorne.  Auch von ihm kann man unendlich viel lernen und er erklärt all seine Tricks freimütig auf seinem Youtube-Kanal.

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