Deutschland,Tierbeobachtungen

Sternschnuppencontest – oder wie man eine Nacht draußen verbringt.

Was wäre die Sprache ohne ihre Modebegriffe. Für alles was grade irgendwie „hip“ ist (momentan liegt vieles mit Livestyle, Erleben, Achtsamkeit und Naturbewusstsein im Trend) gibt es ein neues Wort, Worte wie z.B. „Mikroabenteuer”. Ein eben solches haben wir vor. Wenn du dich nämlich aus deinem Alltag heraus löst, auf Zivilisationskrempel zumindest zum Teil verzichtest und außerhalb deiner Wohnung etwas eher Ungewöhnliches tust wie z.B. draußen übernachten, dann erlebst du ein „Mikroabenteuer“.

Soweit so gut – wie der Modeterminus lautet ist uns völlig schnuppe, wir wollen Schnuppen sehen, jawohl! Sternschnuppen! Wir haben uns vorgenommen unseren Ausflug in die Dübener Heide mit einer Nacht im Freien zu verbinden weil die Erde um den 12. August herum mit den Perseiden Kontakt aufnimmt. Und da die beste Beobachtungszeit zwischen 2 und 4 Uhr nachts liegt und zu dieser späten Zeit der zivilisierte Popo nur noch schlecht aus dem gemütlichen Sofa zu hieven ist, bleiben wir einfach gleich dort wo es möglichst wenig Lichtverschmutzung gibt und fahren gar nicht erst heim.

Die Perseiden sind eigentlich nur eine Schmutzspur, die der Komet 109P/Swift-Tuttle hinter sich herzieht. Weil Swift-Tuttle ein kurzperiodischer Komet ist, d.h. er umkreist die Sonne auf einer stabilen Umlaufbahn in weniger als 200 Jahren, lässt er sich auch hin und wieder beobachten. 1862 zu seiner Entdeckung war das der Fall oder 1992. 2126 wird er wieder zu sehen sein, aber ich vermute stark, dass wir da nicht anwesend sein werden… Was wir aber alljährlich miterleben dürfen ist, wie seine Fußspur mit der Atmosphäre der Erde interagiert. Zu sehen ist nämlich nicht das verglühende Staubteilchen (sorry, man kann also auch nicht den „Stern” finden, der da „vom Himmel gefallen ist”), sondern das Aufleuchten der ionisierten Luftmoleküle, wenn an ihnen die mit hoher Geschwindigkeit aus dem Raum kommenden Teilchen entlang schrammen. Diesen Vorgang nennt man „Rekombinationsleuchten”.

Da wir ja schon den ganzen Tag unterwegs sind, müssen wir auch alles Zeug, was wir für die Übernachtung brauchen gleich mitschleppen. Hier besteht Torstens neuer, wasserdichter Tagesrucksack den ersten Test mit einer glatten 1, denn trotz fehlendem Belüftungssystem am Rücken lässt er sich leicht und gut tragen. Wir haben auch sehr darauf geachtet, dass wir keine schweren Dinge mitnehmen. Als Schlafunterlage dient uns die einfachste Variante aller Schlafmatten: Die knapp 10 € günstige Isomatte. Sie wärmt, ist ultraleicht und, im Gegensatz zu all dem teuren, aufblasbaren Outdoorkrempel, einfach unkaputtbar. Wasser muss sein, Schlafsäcke, Licht für die Nacht, warme Socken damit die Füße nicht frieren, eine Mülltüte ist sowieso absolute Pflicht (!) und, weil Sternschuppen einfach schrecklich romantisch sind, muss eine Flasche Rotwein samt Bechern auch mit.

Das, was wir vor haben, nennt sich gemeinhin „Biwakieren“ (der Begriff bezieht sich eigentlich auf alpine Gegenden, aber ich nehme das nicht so ultragenau). Biwakieren (oder auch Kampieren) bedeutet „im Freien übernachten ohne Zelt” und befindet sich rein rechtlich in Deutschland in einer Grauzone: So ganz erlaubt ist es nicht, total verboten aber auch nicht, im schlechten Fall wird es als Ordnungswidrigkeit ausgelegt, es sei denn man begeht dabei noch Hausfriedensbruch oder Sachbeschädigung. Hält man sich strikt an ein paar wichtige Regeln und geht eventuelle Konfliktsituationen mit Jägern, Polizei, Förstern oder hin und wieder leider auch besorgten Bürgern freundlich und defensiv an, sollte eigentlich nichts geschehen, außer dass man vielleicht sein nächtliches Lager wieder räumen muss. Ausnahmen bestätigen die Regel: Es können Bußgelder zwischen 50 – 500 € verteilt werden, aber dazu muss die betreffende Person meines Erachtens sich wirklich schlimm verhalten haben oder der Polizist oder Förster hatte echt, ECHT schlechte Laune! Genaueres zur Rechtslage findet ihr unter diesem Link.

Wichtigste Grundregeln sind immer: Wir sind nicht da, wir waren niemals da, hinterlassen also unseren Platz ohne jede Spur. Wir gefährden die Natur nicht mit Müll, Feuer und anderen Kram und wir stören die Natur nicht, indem wir laut feiern oder zu viele Leute sind. Besonders geschützte Gebiete sind absolut tabu, auch die Tierwelt braucht ihre Menschen-Verschnaufpause!

Torsten und ich haben uns in der frühen Abenddämmerung eine große Lichtung ausgesucht. Wir befinden uns außerhalb des Naturschutzgebietes, es gibt keine Verbotstafeln die uns explizit das Rasten verbieten, am Waldrand ist kein Jägerstand zu sehen und die Wiese ist weder eingezäunt noch bewirtschaftet und weist keine Wildschweinspuren auf. Vom Weg aus sind wir praktisch unsichtbar – alles gute Voraussetzungen um ohne Probleme Sterne gucken zu können. Wir rollen unsere Isomatten auseinander, kuscheln uns in die Schlafsäcke (denn die Sommerhitze macht jetzt einer abendlichen Kühle Platz) und orientieren uns erst mal am Himmel.

Der große Wagen als Teil des großen Bären ist leicht am nördlichen Nachthimmel zu finden. Verlängert man die zwei Sterne der hinteren Wagen-Wand fünf mal nach oben, gelangt man zum Polarstern (der hier nicht mehr zu sehen ist). Foto: ©2018, Torsten Schneyer

Links sehen wir den großen Wagen, Kassiopeia hingegen liegt direkt in unserem Blickfeld. Dort sollen die meisten Schnuppen leuchten. Wir witzeln noch herum dass die ganze Nacht wahrscheinlich völlig unspektakulär und dunkel bleibt, wir dafür aber unsäglich und sinnlos herumfrieren werden – da sehe ich im Augenwinkel einen Punkt am Horizont sehr hell aufglühen. Eigentlich sah das mehr wie eine Signalkugel oder Feuerwerk aus, nicht wie eine Sternschnuppe. Wir sind uns beide noch unsicher was wir davon halten sollen, da ist von Torstens Seite aus dem Dunkel zu hören „Da war eine!”. Die flog jetzt tatsächlich ganz klassisch von Kassiopeia nach „oben” über unsere Köpfe hinweg. „Noch eine!” Torsten führt mit zwei Schnuppen, die Geschichte gewinnt an Wettbewerbscharakter und wir beginnen, den Rotwein im Becher, ehrgeizig zu zählen. Ich glaube bei Nummer elf oder so steige ich aus. Das letzte Restlicht ist vom Horizont verschlungen worden und weil Neumond ist, verdunkelt sich die Nacht zu einem tiefen Schwarz. Über uns wölbt sich ein Meer aus funkelnden Lichtern. Dazwischen mäandert die Milchstraße. Mit fortschreitender Stunde intensiviert sich die Sternschnuppenfrequenz. „Ich werde hier nie einschlafen können.” sagt Torsten zwischen Schnuppe Nr. 26 und Nr. 27 und ist ein paar Minuten später verdächtig still. Ich liege noch eine ganze Weile wach, die Schlafsackkapuze tief ins Gesicht gezogen, und kann mich nicht satt sehen an dem stillen Schauspiel über mir. Manchmal sind zwei Sternschnuppen gleichzeitig zu sehen. Das punktförmige Leuchten am Horizont ereignet sich in Abständen immer wieder und könnte, so vermute ich, einfach Rekombinationsleuchten in einem bestimmten Winkel darstellen, so dass man die Leuchtstrecke nicht sieht. Heimlich und von hinten schleicht sich dann doch der Schlaf bei mir an. Mir fallen die Augen zu und ich sinke in einen unruhigen, sehr leichten Schlaf.

Es sind vielleicht zwei Stunden vergangen, die Perseiden befinden sich auf ihrem Höhepunkt, als ich meine Augen wieder aufschlage. Der am späten Abend noch totenstille Wald ist unbemerkt lebendig geworden, sehr lebendig. Erst ist es nur ein entferntes Rauschen, leicht mit Wind in Baumwipfeln zu verwechseln, aber es wird lauter und es kommt näher! Torsten ist mittlerweile auch wach und wir lauschen und starren gebannt zum Waldrand hinüber. Dann schallt in der Schwärze zwischen den Stämmen ein kurzes, niederfrequentes Grollen zu uns herüber und wir wissen augenblicklich mit wem wir es zu tun haben. Es klingt wie eine Stampede, eine riesige Masse an Tieren, die im Finsteren auf uns zuhalten: Wildschweine!

Ich muss gestehen, ich habe echt Schiss vor Wildschweinen. Wölfe, Luchse, Dachse – alles okay. Aber so ein omnivores Schwein empfinde ich als unberechenbar und auch ein bisschen zu schlau. Torsten hingegen ist begeistert. Es beginnt eine nicht ganz unemotionale Diskussion um „Taschenlampe an oder aus”. Sie bleibt an (ich vermute meine Stimme hatte einen leicht panischen Unterton bekommen) und nur wenige Minuten später sind sie da. Auf der Distanz sehen sie recht klein aus zwischen den Baumstämmen im Gebüsch. Hin und wieder glühen ihre Augen weiß, wenn sie in unsere Richtung blicken. Meine Überlebensstrategie ist jetzt folgende: Ich stehe kerzengrade und höchst episch unter Sternschnuppenregen mitten auf der Lichtung und starre Schweine an – und die Schweine starren mich an. Sie wissen genau, dass wir da sind, und ich hoffe das hält sie auf Abstand. Im dunklen Gebüsch und aus der Ferne ist schwer auszumachen um wie viele Tiere es sich genau handelt. Wir zählen auf jeden Fall vier Individuen. Klingen tun sie in der nächtlichen Stille nach bestimmt 186 Tieren. Mindestens!

Nachts kann es draußen ganz schön gruselig sein.

Mit dem Erscheinen der Wildschweine gerät auch der restliche Wald in Unruhe. Hin und wieder bellt jetzt weiter weg ein Fuchs. Käuzchen beginnen zu rufen, sobald die Schweine in ihre Nähe geraten. Ganz schön viel los zwischen den Bäumen um uns herum. Mittlerweile ist es 4 Uhr. Der Höhepunkt der Perseiden ist vorbei und schon werden die Sterne blasser. Am Horizont zeigt sich scheues blaues Licht. Die Schweine bleiben tatsächlich auf Abstand und verziehen sich irgendwann wieder tiefer in den Wald in Richtung Moor. Wir versuchen noch mal die Augen zu schließen, aber irgendwie ist an Schlaf jetzt nicht mehr zu denken. Durch das Aufstehen und aus den Schlafsäcken krabbeln ist die schöne Schlafwärme verloren gegangen. Es wird, zumindest mit Torstens für Plustemperaturen ausgelegten Sommerschlafsack, empfindlich kalt. Außerdem hat der Fuchs jetzt beschlossen unsere Lichtung im Schutz der Bäume bellend zu umkreisen was einen gewissen Unterhaltungsfaktor bietet.

Wir haben sowieso nicht mit einer langen Nacht gerechnet. Draußen kampieren ist zwar eine wunderschöne Naturerfahrung, die ich jedem wärmstens ans Herz legen kann, aber ihr müsst euch auf eine Nacht mit wenig Komfort und noch weniger Schlaf einrichten. Normalerweise weckt einen das erste Morgenlicht wieder auf, was in der jetzigen Jahreszeit zwischen 4:30 und 5:30 Uhr sein kann. Wir möchten ohnehin noch einmal zurück zum Moor wandern, denn im Morgengrauen lässt sich besonders viel beobachten. Dass dieser Gedanke der richtige ist schildert Torsten ausführlich in diesem Artikel.

Das Presseler Moor dampft im frühen Morgengrauen. Foto: ©2018, Torsten Schneyer

Wandern im blauen Licht einer morgendlichen, noch nicht völlig erwachten Landschaft hat seinen ganz eigenen Zauber. Die Welt ist seltsam abwesend, nur vereinzelt hört man erste Vögel verschlafen piepen. Wir sitzen später eine ganze Weile still am Ausblick und schauen und lauschen der Moorlandschaft beim Aufwachen zu. Linksseitig im Wald wird es plötzlich unruhig. Ein tiefes Grunzen ist zu hören – jetzt will ich nach Hause. Okay, ich arbeite an meiner Wildschwein-Panik, versprochen. Aber heute nicht mehr. Außerdem holt uns nun doch endgültig die Kälte ein…

Wir kehren um zum Auto und damit auch zurück in die wohlige Zivilisation. Wir haben die kälteste Nacht der letzten Wochen draußen verbracht und noch auf der Heimfahrt mit erstarkender Sonne zeigt die Temperaturanzeige des Berlingo Macabre frische 8°C an. So ein bisschen Zivilisation mit Autoheizung und heißem Kaffee ist ja doch ganz schick, oder?

P.S. Zum Beitragsbild: Jaaaaa, das war Photoshop – wir sind zu arm für gute Kameras. ^^


Ihr wollt mehr wissen? Spannende Links diesem Artikel:

Eine Website, die sich speziell mit dem Kampieren im Freien beschäftigt

Und noch ein sehr guter Artikel zu dem Thema

Harald Lesch erklärt die Perseiden

Gute Anleitung zum eigenen Verhalten bei Wildschwein-Begegnung im Wald

 

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